Kinderarmut

In Deutschland kommt immer mal wieder die Diskussion über Kinderarmut auf und das dagegen etwas getan werden muss. Seitdem ich mich mit Japan beschäftige, habe ich allerdings noch nie etwas über Kinderarmut in Japan gehört. Es wird zwar viel über die überalternde Gesellschaft gesprochen und dass die Geburtsraten immer weiter sinken1, aber man hört wenig über Kinderarmut.

Ein guter Grund sich das Thema mal genauer anzusehen. Leider muss ich sagen, dass man im Netz wenig dazu findet und auf totem Baum sieht es anscheinend ähnlich aus. Aber genug des Vorgeplänkels, kommen wir zum Thema.

Die Kinderarmutsrate ist im OECD-Vergleich in Japan relativ hoch. Sie liegt laut einer OECD-Studie von 2006 bei 14,3%. Im Vergleich dazu ist der OECD-Durchschnitt 12%, in Deutschland ist sie knapp über 10%.
49% der Kinder, die in Armut leben, leben in Familien mit min. zwei Erwerbstätigen, 49% in Haushalten mit nur einem Erwerbstätigen und gerade mal 2% in Haushalten ohne Erwerbstätigen.
Bei den Single-Müttern haben 83% einen Job aber die Hälfte davon sind in einem nicht-regulären Arbeitsverhältnis angestellt. In nicht-regulären Arbeitsverhältnissen, also Zeitarbeit, Teilzeitjobs und ähnliches sind „überaschenderweise“ die Löhne niedriger als bei regulären Angestelltenverhältnissen.
Gerade einmal 70% erhalten Zuschüsse für die Kinderpflege und 58% der Single-Mütter leben in relativer Armut.
Dazu kommt noch folgendes: Die 20% in Japan mit dem geringsten Einkommen zahlen 7,4% der gesamten Steuern (OECD-Durchschnitt 4%), erhalten aber nur 1,3% der Transfers (OECD-Durchschnitt 4%). Japan ist das einzige Land in dem nach Steuern und Transfers die Kinderarmut konsistent höher ist als vor Steuern und Transfers!

Ōishi2 hat 2007 untersucht welche Folgen Kinderarmut hat und Oshio et al. 3 hat dieses Jahr darauf aufbauend weitere empirische Untersuchungen durchgeführt. Die Ergebnisse sind nicht weiter überraschend: Kinder, die in armen Familien aufgewachsen sind erlangen eher geringe akademische Abschlüsse, die Wahrscheinlichkeit ist höher, dass sie selbst wieder unter die Armutsgrenze fallen, fühlen sich weniger glücklich und sind weniger gesund.

Da wie schon oben beschrieben nur ein sehr geringer Teil der an Armut leidenden Kindern in Haushalten leben ohne Erwerbstätige/n, hilft es noch nicht einmal etwas, dass Japan die Anzahl der Arbeitsplätze erhöht um etwas Kinderarmut zu tun. Bei der relativ geringen Arbeitslosenquote, die gerade auf Rekordniveau von 5,4% ist, eh ein Unterfangen, was vermutlich ein geringes Gewicht hat. Die einzigen Möglichkeiten die Japan wohl hat, ist direkt gegen die Kinderarmut über Transfers o.ä. vorzugehen. Bei meiner Suche danach habe ich jedoch nichts gefunden. Laut einem Arbeitspapier der OECD von 2003 will Japan die Kinderarmut bis 2015 um 50% reduzieren. Leider konnte ich keine Daten finden inwiefern es Fortschritte gab. In den 90ern war sie wohl höher als in den 2000ern, da die 90er aber auch die verlorene Dekade war, finde ich dies nicht weiter verwunderlich.

Ich muss sagen, dass ich die Thematik relativ erschreckend finde und es als ein wenig befremdlich empfinde, dass darüber so wenig gesprochen wird. Über 14% finde ich doch als relativ hohen Anteil an Kinderarmut in einem modernen Industrieland und darüberhinaus der Fakt, dass die Armut größer ist nach Steuern und Transfers finde ich fast schon erschreckend.
Kein schönes Thema aber die Realität.



1 Aktuell sind wir übrigens bei einer Geburtenrate von 1,26; eine Geburtenrate wird benötigt um die Größe der Bevölkerung stabil zu halten.

2 Ōishi, Akiko (2007): Kodomo no hinkon no dōko to sono kiketsu (Trends and Consequences of Child Poverty). The Quarterly of Social Security Research 43(1), S. 54-64.

3 Oshio, Takashi; Sano, Shinpei & Kobayashi, Miki (2009): Child poverty as a determinant of life outcomes: Evidence from nationwide surveys in Japan. Working Paper des Kōbe University Economics Department Nr. 0911

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