Neue Kanji kommen

In 30 Jahren gab es keine Kanji-Reform aber ab nächsten Herbst wird die Liste der Kanji für den täglichen Gebrauch (常用漢字 – Jōyō-Kanji) reformiert. Die Liste der Veränderungen wurde vorgestern bekannt gegeben.
Bevor ich hier aber ins Detail gehe, ein paar kurze Erläuterungen zum japanischen Schriftsystem. Wer es kennt, kann also die nächsten Absätze überspringen.

Es gibt zwei Silbenschriften à 46 Zeichen, die durch Diakritika noch ein paar Lautverschiebungen abbilden.

Zum einen sind dies Hiragana (平仮名/ひらがな), zum anderen Katakana (片仮名/カタカナ). Heutzutage werden Hiragana in der Regel verwendet um Grammatik abzubilden und um eine ganze Reihe Wörter zu schreiben. Mir wurde einmal erzählt, dass um so öfter ein Wort verwendet wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man nicht mehr das chinesische Schriftzeichen dafür verwendet sondern es in Hiragana schreibt. Allerdings konnte ich dafür bisher keine Quelle finden. Wörter deren chinesische Schriftzeichen man nicht kennt, schreibt man in der Regle auch in Hiragana.
Katakana werden normalerweise verwendet um Lehnwörter z.B. aus dem Englischen zu schreiben (wie バーチャル・リアリティー — Virtual Reality) oder z.B. aus dem Deutschen (バイト – baito; von Arbeit und bedeutet soviel wie Nebenjob).
Dann gibt es noch Kanji (漢字), Schriftzeichen, die aus dem Chinesischen stammen. Davon gibt es viele 😉
In der Grundschule lernt man die Kyōiku-Kanji (教育漢字). Das sind 1006 Zeichen, die über die sechs Jahre Grundschule beigebracht werden. Darüber hinaus gibt es die Jōyō-Kanji (常用漢字). Das sind seit ’81 1945 Zeichen, die vorherige Liste von 1946 hatte nur 1850 Zeichen. Diese Kanji, sind die Zeichen für den täglichen Gebrauch und werden in der Mittelschule und Oberschule beigebracht. Die sollte jeder (Japaner) kennen. Es gibt dann noch mal etwas über 100 Zeichen, die zusätzlich legal in Namen verwendet werden dürfen.
Soviel zur Kurzeinführung.

Nächstes Jahr im Oktober wird es eine reformierte Liste an Jōyō-Kanji geben. Vorgestern wurden die Neuerungen veröffentlicht und das ist eine ziemlich große Nachricht, da es schließlich vor 30 Jahren die letzte Veränderung gab an dieser Liste. Allerdings kann sich die Liste der Veränderungen noch ändern. Die endgültige Liste wird zwischen Februar und April 2010 die endgültige veröffentlicht.
Hier nun aber eine Zusammenfassung der Änderungen.
Fünf Zeichen werden aus der Liste entfernt.
勺 (shaku, ein Hohl- bzw. Flächenmaß – 18ml bzw. 0,033qm)
銑 (SEN, Roheisen)
脹 (CHOU, Schwellung)
錘 (tsumu, Spindel)
匁 (monme, eine Gewichtseinheit – ca. 3,75g)

Es gibt eine Liste von 191 Kanji, die hinzugefügt werden sollen und seit einem Jahr nicht verändert worden sind. Zu dieser Liste sollten noch neun weitere hinzugefügt werden, wovon es aber nur 5 geschafft haben. Damit vergrößert sich die Liste der Jōyō-Kanji auf 2136.
Einige der neuen Kanji auf der Liste sind Zeichen, bei denen ich mich zumindest immer gewundert habe, warum sie nicht zu den Jōyō-Kanji gehören, da man ihnen andauernd begegnet wie z.B. 誰 (dare – wer) oder 俺 (ore – ich; eins der vielen Wörter, die „ich“ bedeuten aber nur von Männern unter bestimmten Bedingungen verwendet werden kann), andere neue Kanji sind welche, die in Namen von Präfekturen sind.
Eine komplette Liste mit englischer Übersetzung gibt es bei KanjiClinic.com. Ausführlichere Erläuterungen auf Englisch gibt es bei der Japan Times (Englisch). Die Asahi hat auch einen ganz interessanten Artikel (Japanisch).

Fragen und Kommentare sind wie immer gern gesehen.

3 Gedanken zu „Neue Kanji kommen

  1. Welche tatsächliche Bedeutung hat die Liste denn überhaupt? Die „neuen“ Zeichen sind doch anscheinend sehr gängig, also in dem Sinne gar nicht neu. Ist das ein reiner Bildungskanon?

  2. Das Ziel der Liste es, zu begrenzen welche Kanji in der Schule beigebracht werden und wie im Artikel beschrieben sollte jeder auch diese Kanji können. Es hat also zum Einen einen bildungspolitischen Aspekt.
    Damit haben auch die Massenmedien eine Richtlinie, welche Zeichen von der Bevölkerung auf jeden Fall gelesen werden können.
    Die größte Bedeutung hat es für Tageszeitungen. Dem Gesetz nach sind sie verpflichtet bei Kanji, die nicht in der Liste sind mit Lesungen (Furigana; werden in Hiragana klein daneben geschrieben) zu versehen. Das ist jetzt für die neuen Kanji nicht mehr notwendig. Manche Wörter lassen sich jetzt auch komplett in Kanji schreiben, die man vorher gemischt geschrieben hat. Z. B. Kanpeki (Perfektion) brauch jetzt nicht 完ぺき geschrieben werden, sondern kann 完璧 geschrieben werden. Da in Japan Schriftwerke bei der Bezahlung in der Regel nach Zeichenanzahl abgerechnet werden, kann das auch eine (ökonomische) Rolle spielen. Dazu kommt, dass in der Schule mehr Kanji beigebracht werden müssen.
    Auch nicht alle Zeichen sind unbedingt häufig in Gebrauch. Da sind neue Sachen bei wie das Zeichen für Bär oder Falke, Körperteile etc. die afaik nicht so häufig waren.
    Für Ausländer, die den JLPT (Japanese Language Proficiency Test) auf der höchsten Stufe ablegen wollen, bedeutet es auch, dass sie mehr Zeichen können müssen, da sich die enthaltenen Zeichen dort an der Liste der Jōyō-Kanji orientiert.
    Was außerdem interessant ist, ist dass die Liste sich nicht verkleinert sondern weiter vergrößert. Man könnte also evtl. den Schluss ziehen, dass Kanji wichtiger werden in der Verwendung der Sprache.

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