Nihonjinron – die Einzigartigkeit der Japaner

Lange Zeit kein Post, daher muss dem Abhilfe geschaffen werden.

Vor nicht allzu langer Zeit bin ich mit jemandem auf Twitter auf das Thema Nihonjinron gekommen. Da das Ganze nicht so einfach zu erklären ist, habe ich ihm eine längere Mail zum Thema „Was ist das Problem am Nihonjinron, wenn man über Japan und die japanische Gesellschaft spricht“ geschrieben. Aber auch für dieses Blog ist der Großteil des Inhaltes der Mail ganz gut geeignet, daher hier eine leicht überarbeitete Fassung 😉

Erst einmal, was ist Nihonjinron? Nihonjinron beschreibt Werke nationalistischen Kulturalismus, die sich mit der „Einzigartigkeit“ Japans auseinandersetzen.

Folgende Annahmen sind Grundlage des Diskurses:

  1. Man kann die japanische Gesellschaft ausschließlich mit der Hilfe von Japanern verstehen; eine externe bzw. ausländische Analyse funktioniert nicht
  2. Japaner können als kulturelles und sozial homogenes Gebilde angesehen werden, deren Kern sich über die Zeit nicht ändert
  3. Die Japaner unterscheiden sich radikal von allen anderen bekannten Völkern hinsichtlich Gesellschaft, Kultur und Sprache
  4. Ausländer sind nicht in der Lage die Essenz der japanischen Kultur und Sprache zu verstehen

Im Folgenden werde ich versuchen die Sachen auseinanderzunehmen.

1) Dieser Punkt ist für mich schwer auseinanderzunehmen. Meiner Meinung nach kann man sehr wohl auch mit Hilfe ausländischer Analyse Japan verstehen. Um genau zu sein ist vermutlich die ausländische Analyse sogar wichtiger als die rein japanische Sichtweise. Der wissenschaftlichen Diskurs der sich mit Japan auseinandersetzt umfasst den kultur- bzw. sozialwissenschaftlichen Bereich — Literaturwissenschaften, Anthropologie, Soziologie, Wirtschaftswissenschaft, Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft etc. und betrachtet Japan von außen. Zum Teil werden diese Kenntnisse in Japan wieder angewandt und/oder auch ins Ausland übernommen.

2) Die homogene Gesellschaft ist ein Mythos, der immer wieder aufkommt. Lange Zeit haben sich ein Großteil der Japaner in Umfragen immer der Mittelschicht zugeordnet (in den 80ern bis zu 90%). Das Problem war allerdings, dass die Frage folgende Antworten zuließ: „oben“, „obere Mitte“, „mittlere Mitte“, „untere Mitte“, „unten“ und „weiß nicht“. Die meisten haben sich der mittleren Mitte oder der unteren Mitte zugeordnet.

Heutzutage gibt es einen großen Diskurs über die kakusa shakai (格差社会) – die ungleiche Gesellschaft. Inzwischen sind Arbeitsplätze nicht mehr so sicher, die prekären Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu (Leih- und Zeitarbeit) und immer mehr Haushalte haben Probleme sich zu versorgen. Und die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Ein empfehlenswerter Roman, der in der Unterschicht spielt ist Natsuo Kirinos „Die Umarmung des Todes“ (auf Englisch Out, auf Japanisch アウト).

Aber die „traditionellen Säulen“ des japanischen Beschäftigungssystems Lebensanstellung, Seniorität[1] und Unternehmensgewerkschaften[2] galten auch schon immer nur für etwa ein Drittel der Beschäftigten. Diese waren als Stammarbeiter angestellt und auch zwischen Großunternehmen und den Klein- und Mittelunternehmen gab es große Lohnunterschiede.

Dazu kommt, dass es auch in der japanischen Gesellschaft Minderheiten gibt. Zum einen die Koreaner, die zur Zeit der japanischen Besatzung in Korea nach Japan deportiert worden sind. Dann gibt es eine wachsende chinesische Minderheit. Die Nikkeijin, Japaner, welche von Japanern abstammen, die vor mehreren Generationen ausgewandert sind und nun durch ein Gastarbeiterprogramm wieder nach Japan zurückgekommen sind. In der Regel kommen diese aus Brasilien. Die sehr kleine Minderheit an westlichen Ausländern (die Bekanntesten sind wohl Tsurunen Marutei, ein naturalisierter Finne, der Abgeordneter im Oberhaus ist und Arudou Debito, ein naturalisierter Amerikaner, der ein sehr populäres Blog hat). Die Ainu auf Hokkaidō, die nichts mit dem Rest der Japaner zu tun haben. Ob man die Bewohner von Okinawa als Minderheit ansehen kann, denke ich eher nicht. Aber es gibt definitiv kulturelle Unterschiede und Okinawa gehörte lange Zeit nicht zu Japan und hat auch sehr eigene Bräuche etc.

Auch kulturell gibt es innerhalb des Landes große Unterschiede in den Traditionen, die darauf hinweisen, dass es keine homogene Gesellschaft ist.

3) Unterschied in Gesellschaft und Kultur. Hierauf geh ich nur sehr sehr kurz ein: viel wurde aus China und Korea importiert 😉

Einzigartigkeit der Sprache: Die ursprüngliche Sprache auf Okinawa hat sehr große Ähnlichkeiten mit dem Japanischen. Das Koreanische ist eins-zu-eins übersetzbar und hat aus dem was ich weiß nur eine Höflichkeitsstufe mehr (hatte ein Jahr Intensivkurs plus weiterführenden Unterricht; musste es aber aus Zeitgründen leider aufgeben). Die Lexik – sprich ursprünglich-koreanische und ursprünglich-japanische Wörter unterscheiden sich stark. Das Japanische wird teilweise den altaischen Sprachen zugeordnet. Andere Sprachen, die dem japanischen wohl sehr ähnlich sind, sind mongolisch und türkisch. Die Sprache ist also nicht wirklich einzigartig.

4) Au contraire

Nachdem ich jetzt die Argumente auseinandergenommen habe, die Probleme des Nihonjinron und warum man so schnell in seine Falle tappt, wie ich es beschrieben habe.

Ein großes Problem ist, dass viele Theorien von Japanern selbst vertreten werden. Frei nach dem Motto „Japan ist halt anders“. Auch die Einzigartigkeit und die homogene Gesellschaft werden gerne von Medien und Politikern betont und spiegeln sich dadurch auf die Gesellschaft zurück.

Dadurch, dass diese Theorien so häufig im In- und Ausland wieder aufgebracht werden von Leuten, die sich nicht so intensiv mit Japan auseinandersetzen, hält sich der „Mythos Japan“. Es ist oftmals schnell gesagt „ist halt Japan“ und genau darin liegt das Problem. Nur weil es Japan ist, heißt es noch nicht, dass es einzigartig ist und bei Diskussionen über Kultur geht es sehr schnell in die Richtung. So nebenbei: eine Frage in meiner mündlichen Zwischenprüfung war „Denken Sie, dass die japanische Gesellschaft homogen ist und begründen Sie bitte ihre Antwort.“ Das ist wirklich etwas was vielen „ausgetrieben“ werden muss, da man es dauernd liest bei Leuten, die sich nicht wirklich intensiv mit der Literatur zu Japan auseinandergesetzt haben.

Kurz zusammengefasst: Nihonjinron ist eine nationalistisch geprägter Diskurs, dessen Theorien gerne von Japanern übernommen werden. Diese Theorien sind jedoch nicht korrekt. Leider werden diese Theorien außerhalb Japans oftmals angenommen, gerade weil sie von Japanern vertreten werden. Gleichzeitig ist es einfacher zu sagen „ist halt Japan“, anstatt „tiefer zu forschen“.

Kommentare sind wie immer gern gesehen.

[1] Seniorität beschreibt hier den steigenden Lohn mit zunehmender Dauer der Betriebszugehörigkeit (zurück)

[2] In Japan gibt es nicht wie hier Gewerkschaften, die sich über Industrien erstrecken, sondern die Unternehmen haben ihre eigene Gewerkschaft.

Alle drei Säulen haben übrigens noch ganz interessante Hintergründe, Auswirkungen etc. (zurück)


Ein Gedanke zu „Nihonjinron – die Einzigartigkeit der Japaner

  1. vielen dank für den kurzen überblick bzw. meinungsäußerung zu diesem thema 🙂 habe in zwei tagen mündl prüfung in jap. geschihte und musst doch mal unbedingt nochmal schnell was wegen dem nihonjinron lesen, weil ich es in der vorlesung irgendwie verpasste ^^“
    es gibt mir jetzt auch nochmal anstöße zum weiterdenken. dankeschön 🙂

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