Eigentlich wollte ich Sarrazin ja ignorieren

Vor ein paar Tagen habe ich zwei Tweets rausgeschickt. Einen davon aber gelöscht, daher beide hier im Zitat:

„Ich wollte Sarrazin ja ignorieren, aber irgendwie hat niemand mitgemacht“

„Gibt’s eigentlich das Buch von Sarrazin als Torrent? Ich würde es gerne lesen aber erst danach entscheiden, ob ich dafür Geld bezahlen will“

Ich habe das Buch von dem guten Mann nicht gelesen und nur über diverse Medienkanäle die Diskussion mitbekommen. Sei es nun Hr2 – Der Tag, Hart aber Fair oder auch diverse Einträge bei Telepolis und anderen Blogs/Nachrichtenseiten. Es heißt, dass Herr Sarrazin eine Diskussion angestoßen hätte. Wobei ich mir die Frage stelle, ob man ihn nicht besser ignoriert hätte. Schließlich wird sich gerade durch die „große Diskussion“, die durch sein Buch entstanden ist sein Buch ordentliche Verkaufszahlen einhandeln. Und jeder der das Buch von Sarrazin kauft finanziert damit seine Meinung.

Aber was ist diese Diskussion? An sich ist es doch nur die seit Jahren schwelende Diskussion, dass ein Teil der Bevölkerung der Meinung ist, dass es zu viele islamische Migranten gibt, die nicht willig seien sich zu integrieren. Sie stören unsere abendländisch-christliche Leitkultur und aufgrund ihres mangelnden Integrationswillens sind sie nicht in der Lage ihren Teil in der Gesellschaft zu leisten. Sarrazin hat da noch ein bisschen Sozialdarwinismus reingemischt, damit die Suppe nicht mehr schwarz, sondern endgültig braun ist. Und was ich verstörend finde ist, dass die Basis einer Sozialdemokratischen Partei in 2000 E-Mails ihrem Vorstand mitteilt, dass Sarrazin nicht sein Parteibuch verlieren soll. Schließlich sagt der gute Mann ja, was wir alle denken.

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p style=“text-align:left;“>Und das Schlimme? Ich glaube wirklich, dass viele so denken. Schon seit Jahren sehe ich einen schwelenden Rassismus in unserer Gesellschaft. Statistisch kann ich das nicht belegen, es sind so die vielen Alltagsunterhaltungen, die man führt. Dabei meine ich jetzt nicht die gezwungene politische Korrektheit, die gleichzeitig vorherrscht. Da halte ich es ehrlich gesagt ein wenig mit Avenue Q: Jeder ist ein bisschen rassistisch (Everybody’s a little bit racist – ab Min. 1:10).

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p style=“text-align:left;“>Das bedeutet aber eher das wir alle unsere Stereotypen mit uns rumtragen. Sei es nun positiv oder negativ. Das ist zwar nicht schön, ist aber so. Es hilft uns unser Leben einfacher zu machen und wenn wir uns das Eingestehen würden, würde es gleichzeitig die Diskussion vereinfachen. Aber es gibt hier auch wieder das Henne-Ei-Problem, wenn nur einer damit anfängt, dann wird er vermutlich gleich als Rassist hingestellt, da er zu offen seine Meinung wiedergibt und nicht politisch korrekt ist. Aber nur wenn wir offen sprechen können, können wir auch wirklich diskutieren.

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p style=“text-align:left;“>Das Problem mit dem schwelenden Rassismus, den ich oben ansprach, nennen wir ihn mal Alltagsrassismus ist, dass er immer wirklich negativ ist. Es ist der Teil des Rassismus, der auch in o.g. Lied als negativ angesprochen wird. Und wodurch wird er beflügelt? Durch eine dauerhaft negative Darstellung des Islam in den Medien. Hagen Rether stellt das in seiner Aufführung gut dar und ich danke ihm dafür. Das Video werden vermutlich genug inzwischen gesehen haben, da es seine Runde über Twitter gemacht hat.

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p style=“opacity:1!important;text-align:left;“>Wie kann es sein, dass nur negatives berichtet wird? Nur weil man einer Glaubensrichtung angehört, ist man nicht gleich Fundamentalist. Und wenn ich mir anhöre, was so mancher christlicher Fundamentalist von sich gibt, bekomme ich es auch mit der Angst. Wir schreiben 2010 und manchmal komme ich mir vor als ob wir 1010 schreiben. Da ist doch tatsächlich die Religionszugehörigkeit selbst bei aufgeklärten Menschen eine Grundlage für den Stereotyp.

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p style=“opacity:1!important;text-align:left;“>Wenn ich mir anhöre, dass Leute Angst haben nach Neukölln zu kommen weil es da ja so gefährlich ist (aufgrund der vielen Ausländer, was aber in der Regel nicht gesagt sondern angenommen wird, dass es gemeinsame Meinung ist) kann ich mir nur jedes Mal an den Kopf packen. Die Leute sollten mal nach Neukölln kommen. Was sehe ich da? Viele hauptsächlich türkische Familien, die liebevoll mit ihren Kindern umgehen. Wer sitzt schon um 9 Uhr mit der Pulle da? In der Regel sind das eindeutig Deutsche. Wer schreit sein Kind an und hat die Hand schon erhoben, bevor er/sie bemerkt, dass er/sie ja in der Öffentlichkeit ist und das wahrscheinlich nicht so gut kommt, wenn man jetzt zuschlägt? Deutsche.

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p style=“opacity:1!important;text-align:left;“>Vor welchen Gegenden habe ich Angst? Eher so Marzahn, Hellersdorf, ggf. der Speckgürtel um Berlin. Und warum? Wegen der größeren Anzahl an Neonazis, denen eigentlich ihr Ziel für ihre Aggression relativ egal ist. Und welche Nationaliät haben Neonazi in der Regel? Na? Richtig, Deutsch.

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p style=“opacity:1!important;text-align:left;“>Bevor also irgendwer anfängt ganze Volksgruppen über einen Kamm zu scheren aufgrund ihrer Nationalität oder Religiösität, sollte er erst einmal in sein eigenes Land schauen. Da gibt es auch genug Vollpfosten. Und selbst die haben eine Geschichte, warum sie zu dem geworden sind, was sie sind. Ich hab jedenfalls noch kein Baby gesehen, das den rechten Arm gehoben hat.

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p style=“opacity:1!important;text-align:left;“>Nur weil es uns wirtschaftlich grade nicht so gut geht, und hey uns geht es immer noch besser als in einem Großteil der Welt heißt es nicht, dass wir die Schuldigen woanders suchen müssen. Die Gründe sind vielfältig aber Zugezogene sind es sicherlich nicht. Ohne die, wären wir nämlich lang nicht da, wo wir heute sind.

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p style=“opacity:1!important;text-align:left;“>Und wenn eine Frau Kopftuch tragen will, soll sie doch. Was wäre los, wenn man auf einmal verbieten würde ein Kruzifix am Hals zu tragen oder Nonnen zu unterrichten? Oh oh oh… Aber schließlich pflegen wir hier die christlich-abendländische Kultur. Unser Wertesystem entstammt dem Christentum aber das berechtigt uns noch lange nicht andere Wertesysteme zu diskriminieren. Unsere Kultur ist ein Gemisch, dass sich über eine sehr lange Zeit entwickelt hat. Und zwar aus einer Zeit, die sogar noch vor den Anfängen des Christentums lag. Unsere Kultur gewinnt nur durch Migranten, verlieren wird sie nichts. Nur weil ihr nicht mit Veränderung klar kommt, heißt das noch lange nicht, dass ihr andere Beleidigen dürft.

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p style=“opacity:1!important;text-align:left;“>Wir leben hier in einer Demokratie und so lange jeder der geltenden Gesetzgebung folgt und nicht gegen die Verfassung handelt, darf er machen was er will. Eine Erinnerung an die Grundrechte aus unserem Grundgesetz:

  • Artikel 2 (1): Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
  • Artikel 3 (3): Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

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p style=“opacity:1!important;text-align:left;“>Und wenn mir jemand die arabischen oder türkischen Supermärkte, Gemüsehändler, Friseure u.ä. zeigt, die ihr Angebot auf der entsprechenden Landessprache anbieten finde ich das gut. Warum auch nicht? In Gegenden, in denen viele US-Amerikaner leben gibt es entsprechendes auch in Englisch (und in ihrer Parallelgesellschaft auf den Basen sowieso…). Wenn es die Nachfrage nach so etwas gibt, wird es auch das entsprechende Angebot geben. Ich war zwar noch nicht auf Mallorca aber ich vermute mal ganz stark, dass es da ähnliches mit Deutsch gibt. Ich hab mir sagen lassen, dass sich da genug Deutsche auch nicht integrieren und Spanisch lernen. Sprachen lernen ist nämlich aufwendig und wenn’s auch anders geht. Aber damit wird man nicht unbedingt weit kommen. Will man sich in eine Gesellschaft integrieren und in dem Land zu etwas bringen, wird man nicht daran vorbei kommen und muss die Landessprache lernen. Aber das passiert soweit ich weiß in der Regel auch, dauert halt ein bis zwei Generationen. Nur Integration heißt nicht Assimilation. Warum soll ich meine kulturelle Identität aufgeben, nur weil ich in einem anderen Land lebe? Exakt, dafür gibt es keinen Grund.

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p style=“opacity:1!important;text-align:left;“>Unsere Regierung sollte sich besser darum kümmern, dass den Zugezogenen aus anderen Ländern geholfen wird hier klar zu kommen und dazu gehören nicht nur Integrationskurse, sondern auch ein Bildungssystem, dass hilft Chancengleichheit zu schaffen. Dann wird man vielleicht auch die oben genannten Vollpfosten dezimieren können. Mit Bildung dürfte die Chance niedriger sein in eine extreme Richtung zu schwenken (auch wenn z.B. Sarrazin uns vormacht, was auch mit Bildung passieren kann).

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p style=“opacity:1!important;text-align:left;“>Das einzige was in dieser Diskussion zählen sollte ist, dass wir Menschen, die in unserer Gesellschaft benachteiligt sind Chancengleichheit zu schaffen. Sei es nun weil sie aus einem niedrigeren sozialen Stand kommen, weil sie die Landessprache nicht gut genug sprechen oder was es da sonst noch gibt.

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p style=“opacity:1!important;text-align:left;“>Und was dann auch noch ganz wichtig ist: Wir sollten uns alle mit dem gebührenden Respekt behandeln. Ich habe mir sagen lassen, dass es da aus der Grundlage der christlich-abendländischen Kultur, die sich Bibel nennt einen ganz wichtigen Satz gibt:

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p style=“opacity:1!important;text-align:left;“>Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

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p style=“opacity:1!important;text-align:left;“>Für mich bedeutet das, dass man andere Menschen so behandeln sollte, wie man selbst behandelt werden will. Und Respektlosigkeit und Beleidigungen zählen da sicher nicht dazu.


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Ein Gedanke zu „Eigentlich wollte ich Sarrazin ja ignorieren

  1. In Sachen Sarrazin ist jetzt der Gabriel von der SPD dran, mal klare Kante zu zeigen. Was ist jetzt nicht verstehe ist, warum der Wulff erstmal die Merkel fragen muss, denn er hat doch vor dem Antrag der Bundesbank gesagt, dass der Sarrazin weg soll. Ist er sich jetzt auf einmal nicht mehr so sicher und wir erlebe eine Überraschung, aber vielleicht ist das nur Alibi.

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