Das christliches Menschenbild und Frau Merkel

Wenn ich manchmal so lese, was die Leute in meiner Timeline auf Twitter schreibe, bewegt sich mein Kopf schnell in Richtung Schreibtisch. Heute war es mal wieder so weit.

Laut dem Tagesspiegel hat Frau Merkel doch tatsächlich gesagt, dass Fehl am Platz sei, wer sich nicht am christlichen Menschenbild orientiere. Und Spiegel Online schrieb folgendes Seehofer-Zitat: „Wir als Union treten für die deutsche Leitkultur und gegen Multikulti ein – Multikulti ist tot.“

Gut zu wissen, dass die Union jetzt komplett nach rechts abrutscht und das Schwarz zu Braun wird. Frau Merkel tritt schließlich mit ihrem Satz gegen eine Menge Gruppen an. Juden, Muslime, Konfuzianisten, Hinduisten, Buddhisten etc. Aber das ist mehr als offensichtlich. Aber mir soll es ja um die Menschen in meiner Timeline gehen, die mich aufgeregt haben. Zwei Tweets möchte ich herausgreifen.

Sixtus

Merkel will mich ausweisen? „Wer sich nicht am christlichen Menschenbild orientiere, sei fehl am Platz“

Max Winde

Dann schmeiß much raus, Merkel! „Wer sich nicht am christlichen Menschenbild orientiere, sei fehl am Platz“ (sic!)

Leute, ich muss euch enttäuschen. Ich habe eure Biographien nicht gelesen aber vermutlich orientiert ihr euch alle am christlichen Menschenbild. Das Grundgesetz baut auch auf dem christlichen Menschenbild auf. Wenn man nicht außerhalb Europas, der USA, Südamerika oder einer anderen Region aufgewachsen ist, in der das Christentum die dominierende Institution der Moral über Jahrhunderte war, orientiert man sich in der Regel am christlichen Menschenbild. Das ist ein Meme.

Selbst der strengste Atheist, der in einer der oben genannten Regionen aufgewachsen ist, wird sich am christlichen Menschenbild orientieren. Nur weil man der Meinung ist, dass es keinen Gott gibt, heißt das noch nicht, dass man nicht die gleichen Werte hat und damit auch das gleiche Menschenbild.

Das schlimme an Frau Merkels Satz ist, dass sie ausschließt, dass Menschen, die in einer nicht-christlichen Region/Umgebung aufgewachsen sind, nicht hierher gehören und damit anscheinend auch gegen mehrere Artikel des Grundgesetzes ist (Art.2 (2), Art. 3(3), Art. 4(1) fallen mir spontan ein). Vielleicht sollte der Verfassungsschutz langsam aber sicher nicht nur die Linke überwachen, sondern auch CDU/CSU.

Der Ansatz ist falsch: Es sollte nicht heißen, „schmeiß mich raus“, sondern „dann schmeißen wir sie raus.“

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11 Gedanken zu „Das christliches Menschenbild und Frau Merkel

  1. Nein, ich orientiere mich nicht an einem christlichen Menschenbild, sondern an einem humanistischen.

    Im Mittelpunkt des christlichen Menschenbildes steht Gott, die Schöpfung und eine unsterbliche Seele, alles Dinge, an die ich nicht glaube und darum ablehne.

  2. Danke für die Vorwegnahme. Das wollte ich auch schreiben, dass das humanistische Menschenbild auf dem christlichen aufbaut. Der Unterschied ist meiner Meinung nach das Label „mit“ bzw. „ohne“ Gottheit.
    Die darunterliegenden Werte laufen heutzutage auf dasselbe hinaus.

  3. Die Tatsache, dass das aufklärerische humanistische Menschenbild in einer christlichen Umgebung entstanden ist bedeutet doch nicht, dass das Menschenbild auf dem christlichen aufbaut.

    Sie ähneln sich natürlich, aber letzendlich aus ganz anderen moralischen Begründungen heraus.

    Beispielsweise begründet das christliche Menschenbild die Würde des Menschen aus der Annahme heraus, der Mensch sei ein Geschöpf Gottes, während im humanistischen die Würde des Menschen keine weitere Instanz benötigt um rechtmäßig zu sein.

  4. Stell es dir vor wie Evolution – eine Evolution der Ideen. Die monotheistischen Religionen mit Konzepten wie Nächstenliebe u.ä. waren ein Fortschritt gegenüber Religionen, deren Götter weitaus menschenähnlicher waren.
    Als irgendwann dann grundlegende Moralvorstellungen gefestigt waren, und dank Fortschritte in der Wissenschaft Religion nicht mehr unbedingt war um Dinge zu erklären, wurde auch Moral von der Religion gelöst (und damit auch teilweise erweitert – schließlich fällt der Bekehrungsgedanke weg und man ist allumfassender[1]
    Aber die Ergebnisse sind an sich die Gleichen. Nur die Begründung ist anders. Das ist das was ich mit Label meine und dass das Christentum als moralgebende Institution über Jahrhunderte auch die humanistischen Ideen beeinflusst hat. Die Ideen des Humanismus fließen ja auch zurück in die Werte von Christen.
    Der Humanismus ist auch keine losgelöste und isoliert entstandene Idee, sondern stand auch auf den Schultern von Riesen.

    Mein Argument ist nicht, dass sich die Menschenbilder in ihren Aussagen nicht unterscheiden, sondern das die Ergebnisse sehr ähnlich bzw. gleich sind und die Ideen aus den christlichen Moralvorstellungen heraus entstanden sind. Und damit gehört der Humanist eben nicht zu jenen, die Fehl am Platz sind.

    [1]…aber wenn ich mir viele Atheisten, die in der Regel auf dem Humanismus aufbauen, ansehe, dann stimmt das so auch nicht…sie handeln genauso oder ähnlich wie Angehörige von Religionen, wenn es um die „Bekehrung“ geht. Mehr Toleranz sehe ich bei vielen leider nicht. Ähnlich aggressiv und alles. Eigentlich sollten sie versuchen mit Argumenten zu agieren und mehr Aggression und eine lautere Stimme führen da nicht zum Ergebnis.
    Wenn du einen Streit haben willst, beginne ein Gespräch über Politik oder Religion.

  5. Entschuldige, aber möchtest du sagen, dass das humanistische Weltbild vom christlichen abstammt? Und kann es deiner Meinung nach in keinem Fall auch andersherum möglich sein?
    Erinnert mich ein wenig an die Diskussion bzgl. Henne und Ei.
    Dabei sollte man jedoch nicht vergessen, wie alt das Christentum ist und wie lange schon Menschen in sozialen Gesellschaften leben.
    Und mal ganz ehrlich, glaubst du, dass nur einer der Herren und Damen tatsächlich ihre Aussagen so tiefgründig hinterdacht haben, wie du es hier tust? Sorry, ich glaub da nicht dran

  6. Wobei die Diskussion bzgl. Henne und Ei gelöst ist 😉
    Der Humanismus ist ein feststehender Begriff und frühestens im 15. Jh. (Rennaissance) angesiedelt. Auch wenn er auf Ideen der Antike zurückgreift. Das Wertebild ist allerdings christlich geprägt. Das ist meine Aussage. Zum Thema Entstehung, Evolution von Ideen etc. habe ich schon mehrfach etwas geschrieben.
    Und nein, ich denke nicht, dass das Gesagte tiefgründig hinterdacht wurde (wobei ich vermute, dass der Redenschreiber von Merkel sich schon seine Gedanken macht). Aber ich bezog mich hauptsächlich auf obenstehende Aussagen in den Tweets und auch von den Autoren der beiden herausgegriffenen, würde ich auch behaupten, dass sie min. einmal über die Wertebilder nachgedacht haben bzw. sich Gedanken darum gemacht haben, die für sie wichtig sind. Und von den Kommentatoren in diesem Post würde ich schon erwarten, dass sie den Post und meine Kommentare gelesen (und hoffentlich verstanden) haben..

  7. Eigentlich ist ja alles gesagt worden. Du behauptest, dass das humanistische Menschenbild vom christlichen Menschenbild abstamme (dem ich nicht zustimme), was das humanistische Menscenbild eigentlich nur zu einem christlichen Menschenbild machen würde (was ich nicht sehe und für falsch halte.)

    Darüber hinaus glaube ich, dass sich Merkel bei ihren JU-Pöbel eine paar Punkte machen wollte und darum mal nicht nur allen in diesem Land lebenden Moslems, sondern auch allen Juden und eben auch Atheisen das Lebensrecht in diesem Land abgesprochen hat.

  8. Schöner Artikel, trotzdem: Die Moralvorstellungen denen das christliche Weltbild entspringt sind weit älter als das Christentum selbst und begründen sich auf allgemein gültigen Gesetzen sozialer Interaktion. Sie sind praktisch allen Philosophien und Religionen eigen und keiner bestimmten Strömung zuzuschreiben. Besonders die Christdemokraten behaupten ja gerne, Menschenrechte und Demokratie wären nur Ausprägungen einer christlichen Wertegemeinschaft, aber das ist natürlich nicht richtig. Vielmehr übernahmen Christen Grundsätze des Naturrechts und der bereits lange vor Christentum und Demokratie bestehenden Idee allgemeiner Menschenrechte.

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