Die Digitale Gesellschaft

Auf der Re:Publica wurde die Gründung der „Digitalen Gesellschaft“ von Markus Beckedahl, bekannt für Netzpolitik.org, publik gemacht. Wenn ich die Organisation richtig verstehe, will sie Lobbyorganisation1 für die „Netzgemeinde“ sein. Über den Begriff Netzgemeinde kann man sich streiten. Auch wenn viele Leute sagen, dass es keine gibt, weiß doch eigentlich jeder wer gemeint ist. Die Leute, die weitaus mehr Zeit vor den Displays ihrer Rechner, Smartphones und iPads verbringen als sie schlafen und vermutlich alle an einem Herzinfarkt sterben würden, wenn das Internet für einen Zeitraum von wenigen Tagen vollständig ausfiele. Ich zähle mich dazu und wenn du diese Zeilen hier liest, gehörst du vermutlich auch dazu. Die Mitglieder haben die verschiedensten Hintergründe, politischen Ansichten, aber sie alle nutzen das Internet intensiv und wollen es sich in der Regel nicht beschneiden oder auch nur regulieren lassen2.

Zu dem Thema wurde viel getwittert und die verschiedensten Stimmen haben sich gemeldet zu der Thematik und auf einmal begannen meine Finger zu brennen, denn sie wollten auf eine Tastatur einhacken um diesen Text zu produzieren. In den kommenden Tagen will ich meine Meinung zu vier „Organisationen“ darlegen, welche die Netzgemeinde wohl am Stärksten beschäftigen: Die Digitale Gesellschaft (DG), der Chaos Computer Club (CCC), die Piratenpartei (Piraten) und die Spackeria. Heute beginne ich mit der

Digitalen Gesellschaft

Die Gründung der DG wurde meines Wissens nach auf der Re:Publica bekannt gegeben. Ich war nicht dabei, habe bis jetzt nur die Webseite gesehen und einiges über Twitter über sie gelesen. Meines Wissens nach ein eingetragener Verein mit einer absichtlich geringen Mitgliederanzahl, der viele Unterstützer sucht. Sie will eine Interessengruppe für die Netzgemeinde sein. Meines Wissens nach wird die Mitgliederanzahl gering gehalten, um besser Entscheidungen treffen zu können. Eine Sache, die ich sehr begrüße. Mit einer kleinen Gruppe lassen sich einfach viel schneller Dinge in Gang bringen. Meines Wissens nach gibt es auch andere Nichtregierungsorganisationen mit ähnlichem Konzept. Eine kleine Gruppe entscheidet was an Projekten gemacht wird und dann helfen die Unterstützer das Ganze umzusetzen. Wenn 1000 Leute erst auf einer Mitgliederversammlung ihre Meinung zu jedem Projekt abgeben dürfte, würde wohl nichts in Gang gebracht werden. Auch für die Kommunikation mit Politikern u.ä. kann man so besser kontrollieren, wer auf seiner Visitenkarte zu Recht „Digitale Gesellschaft“ zu stehen hat und wer damit im Namen der Organisation spricht. Ich hoffe, dass diese Leute auch gut auf ihre Aufgabe vorbereitet sind bzw. werden. Gegebenenfalls auch ein Rhetoriktraining vom Verein gesponsort bekommen.

Was mich wundert ist, dass noch nicht bekannt gegeben wurde, wer eigentlich Mitglied im Verein ist. Die Netzgemeinde ist in der Regel sehr für Transparenz und zumindest die Mitglieder sollten offen dargelegt werden. Ich hoffe jedoch, dass es nicht zu viel Transparenz geben wird, dazu aber später.

Es wundert mich noch viel mehr, dass ihr Twitter-Account erstmal anfing seltsame Tweets auszuspucken. U.a. wäre da einer, dass man Dinge moderieren muss und ein bereits gelöschter3, der das prominente Piratenmitglied und ehemaligen Bundestagsabgeordneten Tauss angreift. Der Sinn einer kleiner Gruppe ist doch gerade, dass man Informationen und Gesagtes, das nach außen dringt kontrollieren kann. Ich hoffe derjenige, der den Tauss-Tweet abgesetzt hat, hat einen deftigen Einlauf bekommen. Meiner Meinung nach sollte ein solcher Account ausschließlich zur Freigabe von Information dienen und das war’s. Nichts organisatorisches und er sollte sich niemals auf eine Diskussion einlassen. 140 Zeichen reichen dafür nicht aus, es wird schnell etwas geschrieben, was man ggf. später bereut und und es sieht unprofessionell aus. Aufgrund Tweets der genannten Art bin ich dem Account auch erstmal entfolgt, aber mal schauen.

Der nächste Kritikpunkt richtet sich an die Gesuche. Es wird alles mögliche gesucht – vom Blogger bis zum Designer. Aber niemand der Recherche betreibt? Sowohl wissenschaftliche, als auch journalistische Recherche sind meiner Meinung nach unabdingbar für eine Lobbyorganisation. Diese Leute suchen nach Material, dass Argumente für die Sache stützt und ausmacht, welche Organisationen, Politiker und ähnliche für die eigene Sache gewonnen werden können und bei wem es eher problematisch wird. Suche nach Zeitungsartikeln, Studien, Interviews, you name it. Natürlich suchen die auch nach Argumenten gegen die eigene Sache. Dieses Material wird aufbereitet und dann an Leute weitergegeben, die es verarbeiten können (Texter, Blogger, Infografiker etc. bzw. die am Schluss damit ihre Diskussionen führen werden). Das Rohmaterial sollte meiner Meinung nach nicht in allen Fällen offen liegen, vor allen Dingen alles was gegen die eigene Sache spricht. Aber auch das wird benötigt, damit die, die am Schluss mit Leuten diskutieren müssen, darauf vorbereitet sind und kontern können. Diese Recherche ist verdammt viel Arbeit und daher wundert es mich, dass da nicht versucht wird zu delegieren. Mit einer einfachen Google-Suche ist es da nicht getan und an Artikel in Fachzeitschriften kommt auch nicht jeder ran. Hier möchte ich auch noch mal auf die Transparenz kommen. Gerade die Gegenargumente sollten irgendwo gelagert werden, wo nicht jeder rankommt. Man brauch es „den anderen“ nicht zu einfach machen. Das gesamte Rohmaterial und ggf. bestimmte aufbereitete Sachen sollten nicht gesammelt offen im Netz liegen, wo jeder rankommt. Eine professionelle Lobbyorganisation aus der Industrie wird sich für die gemachte Arbeit bedanken. Btw. das wäre übrigens die einzige Sache an der ich Interesse hätte zu helfen. Aufgabenorientierte Recherche.

Der letzte Kritikpunkt richtet sich an das Praktikantengesuch der DG. Sie suchen eine Praktikanten mit relativ viel technischem Vorwissen und wollen gerade einmal 200€/Monat zahlen. Natürlich gibt es durch die Praktikumspflicht für viele im Bachelor eine Praktikantenschwemme. Aber gerade aus der Ecke hätte ich das nicht erwartet. Es ist besser als nichts und man sucht sicherlich auch die, die auch für lau ein Praktikum gemacht hätten. Aber es hinterlässt einen schalen Beigeschmack. Wer die entsprechenden Fähigkeiten hat, hat hoffentlich einen gut bezahlten Studentenjob, bei dem er mit seinem Chef sprechen kann, dass er ein entsprechendes Praktikumszeugnis bekommt. Man sollte sich nicht unter Wert verkaufen. Und den Anschein hat dieses Angebot.

Im Großen und Ganzen finde ich die Idee einer Lobbyorganisation für die Interessen der Netzgemeinde sehr gut. Umso mehr Gruppen, die etwas machen, umso besser. Zur Zeit kämpft die DG anscheinend sehr öffentlich mit Startschwierigkeiten. Ich hoffe, die Leute lassen sich nicht unterkriegen und professionalieren sich sehr sehr schnell. Wir brauchen jemand der das direkte Gespräch in Berlin und in Brüssel sucht, sowie die Leute, den Willen und die Ressourcen hat.

In Kürze geht es dann weiter mit dem Chaos Computer Club.

 

  • Wer Lobbyorganisation als Begriff nicht mag, kann sich an die Stelle auch Interessengruppe denken. 
  • Die Mitglieder sind meiner Vermutung jedoch im Schnitt zwischen 25 und 35 Jahren alt, haben eher einen technischen Hintergrund mit sehr guter Schulbildung, eine eher linke politische Ansicht, und ziehen die Ratio dem Pathos vor. Wer von außen auf sie schaut, wird eine gewisse elitäre Einstellung nicht verkennen können. 
  • Grade die DG sollte wissen, dass das Netz nicht vergisst und zur Vollständigkeit der Tweet: „Wer soviel für die Glaubwürdigkeit der deutschen Netzpolitik getan hat wie Herr Tauss, den wollen wir übrigens wirklich nicht als Mitglied.“ – 17.04.11 17:30, Link, der ins Leere führt

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