Rückkehr des Expertentums

Was ist ein Experte in meinen Augen?  Ein Experte ist jemand, der sich mit einem Thema intensiv auseinandergesetzt hat und aufgrund seines Wissens neue Informationen zum Thema bewerten und in bestehende Zusammenhänge einordnen kann. In der Regel dauert es Jahre um diesen Status zu erlangen.

Gunter Dueck fragte auf der Re:Publica: „Wissen Sie im Beruf mehr als ein ‚frisch gesurfter‘?“ Ich denke, dass diese Frage falsch gestellt ist. Sie sollte eher lauten „Was unterscheidet Sie durch ihre Erfahrung und Ausbildung von einem ‚frisch gesurftem‘?“ Nicht so knackig, aber meiner Meinung nach näher an der Wahrheit.

Ich erinnere mich auch noch an einen Tweet, in dem sinngemäß stand:

„Interessant, wie die Atomkraftexperten in meiner Timeline zu Luftwaffengenerälen umgeschult wurden“.

Ein frisch gesurfter, also zwei Stunden googlen laut Gunter Dueck mag ein bisschen Faktenwissen angesammelt haben, aber nicht viel. Ein Patient, der zum Arzt geht und das Internet nach seiner Krankheit gesucht hat, hat sich auch hier ein wenig Faktenwissen und Erfahrungsberichte anderer angelesen.

Ihm fehlen aber Fähigkeiten um mit dem Faktenwissen etwas anzufangen. Ich kann als Nicht-Jurist Gesetze lesen, aber ich kann sie nicht lesen und interpretieren wie ein Jurist. Ich kann mir Texte zu Krankheiten anlesen, aber ich weiß als Nicht-Mediziner nicht unbedingt, ob ich Symptome richtig interpretiere.

Wir googlen und lesen die Wikipedia. Oftmals höre ich, dass in der Wikipedia viel Mist steht und doch wird sie von vielen als Referenz genommen (das selbe gilt für Suchergebnisse bei Google). Und das obwohl sie nicht bewerten können, ob das Wissen in der Wikipedia korrekt ist. Immer wieder hört man, dass man auch die Diskussionsseiten lesen und nicht alles für bare Münze nehmen soll, was in der Wikipedia geschrieben steht. Und doch wird es gemacht und die Diskussionsseiten werden auch nicht gelesen. Vermutlich weil es so komfortabel ist. Die ersten zehn Suchergebnisse bei Google durchgeklickt und schon weiß ich alles über das Thema. Oder etwa doch nicht?

Suchmaschinen machen einen guten Job beim Bewerten ihrer Suchergebnisse, aber genau so gibt es eine Reihe Leute, die gut darin sind ihre Meinung in den Suchergebnissen nach oben zu befördern. Oder Gruppen von Menschen, die einfach lauter sind als andere und schon hat man nur eine Meinung in den ersten zehn Ergebnissen. Und wenn neun A sagen und einer B, dann ist A wohl korrekt, oder nicht?

Und ausgestattet mit diesem Wissen werden dann Blogartikel verfasst, oder gar Berichte in Zeitungen (von Journalisten erwarte ich irgendwie mehr…). Und dieses Wissen wird dann wiederum für bare Münze genommen. Schließlich hat der Mann schon einmal was Gutes zu Computersicherheit geschrieben, da muss er auch Ahnung von Atomkraftwerken, der globalen Wirtschaft und Krisengebieten haben.

Warum?

Weil es einfacher ist zu lesen und es hinzunehmen, anstatt zu hinterfragen und nachzudenken. Man kann nicht alles wissen. Und nur weil jemand Google bedienen kann, ist ihm noch lange nicht möglich, das Gefundene zu bewerten oder in die richtigen Zusammenhänge zu setzen.

Heute früh las ich Better. einen Blogpost von Merlin Mann und möchte folgendes Zitat herausgreifen:

„Politics, celebrity gossip, business headlines, tech punditry, odd news, and user-generated content.

Each, in its own way, contributes to the imperative that we constantly expand our portfolio of shallow but strongly-held opinions about nearly everything. Then we’re supposed to post something about it. Somewhere.“

Wir haben alle Meinungen und immer mehr schreiben dazu Blogposts, schreiben auf ihre Facebook-Wall oder twittern darüber. Mit recherchiertem und gestützten Wissen durch eine Google-Suche. Kein Google Scholar (mit Fachtexten), kein Google Books, kein Gang in die Bibliothek. Eine Google-Suche und der obligatorische Griff in die Wikipedia. Ohne die Fähigkeit die recherchierten Texte bewerten zu können. Die bekannten Autoren in einem Feld sind unbekannt, die guten Verlage sind unbekannt, die Denke, die in dem Feld herrscht ist unbekannt. Und doch, sollen wir auf einmal alle Experten sein in Medizin, Wirtschaft, Physik und vielem vielem mehr. Ich glaube nicht.

Ich frage inzwischen Leute ungern, was sie mit ihrer Ausbildung anfangen können. Mich interessiert vielmehr, was die  Fähigkeiten sind, die sie erworben haben. Es gibt eine ganze Reihe Studiengänge, da ist es relativ offensichtlich (vor allen Dingen bei den Ingenieurswissenschaften), bei anderen hoffe ich bis heute eine vernünftige Antwort zu bekommen (ich schiele in eure Richtung liebe Betriebswirte, die keine Controller oder Bilanzierer sind).

Diese Fähigkeiten kann man in der Regel nicht durch zwei Stunden googlen ersetzen, sondern benötigen eine längere Ausbildung und viel Übung. Es ist eben nicht nur Faktenwissen, sondern mehr. In unserer Informationsgesellschaft ist es einfach an Faktenwissen zu gelangen. Uns fehlt aber die Fähigkeit einzuschätzen, ob diese Fakten richtig sind. Manchmal fehlt auch die eine Mindermeinung, die vielleicht erst auf der elften Ergebnisseite untergekommen ist, um das große Ganze zu verstehen.

Daher hoffe ich auf eine Rückkehr des „Expertentums“. Leute, die davon schreiben, wovon sie etwas verstehen. Und nicht Leute, die uns ihre Meinung als endgültige Wahrheit vorsetzen und jede Diskussion unterbinden, da sie recht haben. Schließlich haben sie ja zwei Stunden Google und die Wikipedia bemüht. Natürlich auch ohne zu hinterfragen.


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4 Gedanken zu „Rückkehr des Expertentums

  1. Wissen ist nicht interessant, sondern das Verständnis dieses Wissens. So habe ich z.B. immer kein Verständnis, wenn meine Freundin an der Berufsschule nur stur den Stoff lernt aber keine einzige meiner Fragen zu dem Stoff beantworten kann („das kommt nicht dran“). Eine Schule, die so ein Lernziel vermittelt, ist fehl am Platze und sorgt u.a. für die Erzeugung von Angestellten, die kaum eigenständig denken können, Zusammenhänge nicht erkennen können und auch nicht in der Lage sind, ein größeres Bild zu erkennen. Fachhochschulen im IT-Bereich sind ähnlich. Oder auch die Tests etlicher Firmen. Wer sich z.B. zu einem Microsoft-certified-irgendetwas ausbilden lässt, der weiß am Ende auch nur, welche Knöpfe er wo zu drücken hat, nicht aber, was diese bewirken und wie die Auswirkungen sind, wenn bestimmte davon falsch gedrückt werden. Erbärmlich.

  2. „Leute, die davon schreiben, wovon sie etwas verstehen.“ Das ist ein schöne Utopie, ich bezweifele allerdings, dass wir dorthin unterwegs sind. Ich bezweifle auch dass wir von da kommen, im Übrigen. Wenn ich die massenmedien-öffentlichen Texte lese, zu Dingen wo ich ‚Experte‘ bin, gruselt es mich zu 95%. Experten schreiben in der Regel für andere Experten. Richten sie sich an die Öffentlichkeit und haben sie die Fähigkeit ihr Wissen zu vermitteln, gilt es immer noch mit anderen, ggf. aufregenderen oder „offensichtlicheren“, Wahrheiten von Nicht-Experten zu konkurieren. Ich habe keine Hoffnung dass dieser Kampf gewinnbar ist.

    • Mein Hauptproblem ist, dass wir weder von da so richtig kommen, noch dahin auf den Weg sind, sondern, dass es immer schlimmer wird und die Texte von Leuten, die gar keine Ahnung für bare Münze genommen werden.

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