Post-Privacy oder Datenschutzwahn?

Vor ein paar Tagen schrieb ich, dass mich der Datenschutzwahn in die Hände der Spackeria treibt. Und heute hatte ich eine kurze Konversation auf Twitter. Es ging darum, dass es in der Diskussion scheinbar nur Schwarz oder Weiß gibt. Entweder man ist im Datenschutzwahn gefangen oder gehört den Post-Privacy-Spackos an.

Lange Zeit hielt ich auch nicht so viel von den Aussagen der Spackeria. Das lag aber hauptsächlich daran, dass ich nicht nachdachte, sondern nur die polarisierenden Aussagen aufnahm. Und ich vermute, dass es nicht nur mir so geht.

Vielleicht sollte in die Diskussion weniger Schwarz oder Weiß, sondern mehr Graustufen eingebracht werden.

An sich bin ich für Datenschutz. Ich möchte nicht, dass jeder alles über mich weiß. Natürlich habe ich etwas zu verbergen. Und wenn jeder einmal ganz tief in sich geht, wird er auch etwas zu verbergen finden. Die Leute sind für Kameras und seltsame Sicherheitsgesetze, weil sie ja nichts zu verbergen haben aber wenn Facebook mitloggt auf welchen Webseiten sie waren, schreien sie auf.

Mir geht es ja eher andersrum. Im öffentlichen Raum bin ich gegen Kameras. Der Grund ist aber an sich nicht die dauerhafte Überwachung und dass sich eventuell mein Verhalten dadurch ändert. Ich bin dagegen, weil die Firmen und der Staat anscheinend der Meinung sind, dass Kameras Menschen ersetzen können und bedenken nicht, dass sie bestimmte Arten von Kriminalität nur verschieben. Das ist an der falschen Stelle gespart.

Gleichzeitig finde ich es an sich ganz gut, dass mich Google in bestimmte Kisten steckt oder dass Amazon alles mitloggt, was ich so kaufe. Am Ende bekomme ich auf mich angepasste Werbung. Keine Werbung über Autos und Bier, die mich eh nicht interessieren. Sondern Dinge, die relevant sind.

Man muss sich bewusst sein, dass das Netz ein öffentlicher Raum ist. Und man wird dabei überwacht von kleinen Dronen, die automatisiert Daten sammeln, um einen in Kisten zu stecken.

Ich vertraue darauf, dass Facebook und Google Mittelsmänner sind. Die Werber geben an, wer ihre Werbung erhalten soll und die Mittelsmänner verteilen sie. Würde ich dieses Vertrauen nicht haben, dürfte ich keinen einzigen Cookie annehmen, nur mit Tor surfen und am Besten das Netz gar nicht nutzen. Wenn ich wirklich gegen die Praktiken einer Firma bin, dann habe ich gefälligst mein Konto dort zu kündigen. Aber manchmal überwiegt der Nutzen die Kosten. So bin ich zum Beispiel nach über einem Jahr wieder zu Facebook zurückgekehrt. Auch wenn ich immer noch nicht viel von der Firma und dem Umgang mit ihren Nutzern.

Natürlich bin ich mir bewusst, dass meine Daten in den USA liegen. Und in den USA kann der Staat zu diesen Firmen gehen und meine Daten abholen. Aber würden meine Daten in Deutschland liegen, wäre das nicht wirklich anders. Hier gibt es vielleicht den Richtervorbehalt, aber so lange die Staatsanwaltschaft, die Begründung für den Richter schreibt und die Richter zu viel zu tun haben, finde ich ihn persönlich witzlos. Und selbst wenn nachträglich entschieden wird, dass der Staat die Daten illegal eingesammelt hat, dürfen diese noch weiter verwertet werden. Soweit ich weiß ist der letzte Punkt z.B. in den USA anders.

Anstatt sich zu überlegen, dass man jeden abmahnen sollte, der einen Like-Button hat und damit die IP seiner Besucher in die USA schickt, sollte man vielleicht darüber nachdenken, wie man die Leute besser zu mündigen Netznutzern machen kann.

Man muss wissen, dass alles was man postet potentiell jederzeit gegen einen verwendet werden kann. Bevor man postet, sollte man seinen Kopf einschalten. Man sollte die Rechte anderer beachten.

Jedes Mal wenn ich Leute sehe, die Bilder von ihren Kindern poste, muss ich ein wenig schlucken. Ich würde auch nicht wollen, dass auf einmal alle Welt meine Babyfotos oder anderes sehen könnte. Für meinen Sohn habe ich entschieden, dass ich bis auf ein Foto zur Geburt keine Fotos ins Netz stellen werde, bis er selbst entscheiden kann, ob er das will. Wer ungefragt Bilder von mir ins Netz stellt, wird eins auf die Nase bekommen.

Ich poste seit Jahren nahezu alles unter Klarnamen. Meine Pseudonyme kennt heute fast niemand mehr (wenn ich mich entsinne dürfte nur eine einzige Person alle meine Pseudonyme kennen und vermutlich erinnert er sich nicht mehr an einige). Mit Google konnte ich sie bisher auch noch nicht auf mich zurückführen. Der Grund für die Klarnamennutzung ist, dass ich einmal gelesen hatte, dass unter Aussagen mit dem Namen Niels Kobschätzki mehr Gewicht liegt, als unter ShivanDragon5342 (so ähnlich hieß mein allererstes Pseudonym, dass ich vor mehr als zehn Jahren ablegte). Es gibt Leute, die ihr Pseudonym als Künstlernamen nutzen. Aber das haben sie sich dann auch aufgebaut. Ansonsten ordne ich Pseudonyme eher in die Schublade Kinderkacke ein und muss an den Film Hackers denken und wie der Charakter Joey seinen Hackernamen sucht. Selbst in Cyberpunk-Spielen in denen Handles recht wichtig sind, finde ich sie mehr und mehr lächerlich. Außer jemand hat eine gute Story zu seinem Handle und warum andere dem Charakter dieses gegeben haben.

Es gibt natürlich auch Foren in denen sie notwendig sind. Selbsthilfe, kritische Themen und eine ganze Reihe mehr, die mir gerade nicht einfallen. Für so etwas habe ich auch meine verschiedenen Pseudonyme. Ansonsten bin ich niels(_)k/Niels K. und das kann man auch problemlos auf mich zurückführen. Ich versuche das auch zu nutzen, damit man mich googlen kann und ein gewisses Profil auftaucht.

Aber jeder sollte wissen, dass potentiell alles im Netz öffentlich ist und man sollte so handeln. Natürlich ändert sich dadurch das Verhalten, vermutlich gäbe es weniger Rumgetrolle. Aber ich bin nicht für einen Klarnamenzwang. Jeder soll seine Pseudonyme nutzen wie er will. Aber auch bei denen sollte man sich bewusst sein, dass man nicht anonym ist. Aber selbst darüber sind sich glaube ich viele nicht im Klaren. Ansonsten gäbe es nicht so viele Sockenpuppen.

Es sollte nicht darum gehen im kompletten Datenschutzwahn zu versacken. Es geht auch nicht darum, dass man sein vollständiges Leben offen legt. Es sollte darum gehen, wie man die Leute darüber aufklärt, was mit ihren Daten im Netz geschieht und was es für sie bedeutet. Man sollte ihnen erklären, dass das nicht nur schädlich ist, sondern man sich das auch zu Nutze machen kann. Gleichzeitig sollte man ihnen die Mittel an die Hand geben, dass sie wissen, wie man gegebenenfalls weniger Daten hinterlässt. Und das Wichtigste ist, dass man ihnen erklärt, dass man seinen Kopf nutzt, bevor man etwas ins Netz stellt.

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