Wir wollen doch alle das Gleiche

Ich würde mich nicht als Feminist bezeichnen, aber die Kommentare zu einem Blogbeitrag von Map (teils bereits wegmoderiert) haben mich zum Grübeln gebracht, weil ich teils mein selbst von vor zehn Jahren darin gesehen habe. Ich war auch einmal der Meinung, dass Frauen mehr als genug gefördert werden (hey, spezieller Unterricht für Mädchen, weil sie angeblich so schlecht in Naturwissenschaften sind), wir müssen zum Bund oder zum Zivi, die nicht etc. Und wer hat nicht gerne ein Bild von einer Frau mit ausladendem Charakter auf dem Desktop?

Nun, inzwischen sehe ich das alles etwas anders. Irgendwann sind mir zwei Dinge klar geworden über die Gesellschaft in der ich leben will. Zum Einen, will ich, dass jeder gleichberechtigt ist. Zum Anderen will ich, dass mich jeder behandelt, wie ich sie behandle. Beides ist nicht so einfach umzusetzen, wie man sich das denkt. Vor allem bedingen sich beide gegenseitig meiner Meinung nach.

Das Problem ist, dass wir von Rollenklischees geprägt sind. Natürlich, Klischees machen das Leben einfacher und unser Gehirn ist so verdrahtet, dass es sie auch braucht, um schnell Entscheidungen treffen zu können. Das Problem ist nur, dass die Rollenklischees, die auf Frauen gelegt werden in der Regel nicht damit kompatibel sind, dass Frauen in Führungspositionen gehören, Ahnung von Mathe, Naturwissenschaften, Technik usw. haben. Frauen können kochen, Handarbeiten sind Frauensache, sie kümmern sich um die Kinder und den Haushalt.
Seitdem ich ein Kind habe, kenne ich hier z.B. auch die andere Seite. Wenn ich mit meinem Sohn im Familienzentrum bin und mich mit anderen Müttern unterhalte, schauen die meisten nicht nur auf ihr Kind, sondern auch vermehrt auf meinen Sohn. Da wird dann hingegangen und bevor ich was machen kann, die Mütze wieder über seine Ohren gezogen. Und wisst ihr was, dass ist ein dämliches Gefühl. Das vermittelt einem ein „du bist ein Mann, du kannst das eh nicht richtig“. Unschön. Aber in der Gesamtheit der Gesellschaft sind das in der Regel nicht so große Bereiche und vor allem nicht so wichtige. Stellt euch mal vor ihr würdet an eurem Rechner sitzen, bastelt und regelmäßig kommt wer an und fragt euch, ob man euch helfen kann. Irgendwann bekommt man das Gefühl von „Halten die mich alle für doof“.

Aber das betrifft ja nicht nur die „männlichen“ Fähigkeiten. Das Ding ist, dass da so viel strukturell in unserer Gesellschaft drin ist, dass es keinen Spaß mehr macht. Frauen die keinen Job bekommen, weil sie Kinder haben. Schließlich bleibt ja die Frau zu Hause und nicht der Mann, wenn eins der Kinder krank ist. Oder Frauen, die keinen Job bekommen, weil sie eine Frau sind. Sie könnte ja schwanger werden und ausfallen.
Dann ist es so, dass aktuell eher Männer in Führungspositionen sind als Frauen. Ich such jetzt nicht die Paper dazu raus, aber gleiches zieht gerne gleiches hoch. Weiße Männer in Führungspositionen stellen lieber weiße Männer an und fördern diese (und das richtig Böse daran: das passiert ohne das man es merkt und man kann nicht viel dagegen machen). Man bleibt gerne in seiner Gruppe. Und aus solchen Gründen gibt es Gesetze, die Männer „diskriminieren“. Weil in unserer Gesellschaft aufgrund von gewachsenen Strukturen heraus in der Regel eine Menge Vorteile eingeräumt werden. Und da muss dann gegengesteuert werden. Notfalls per Gesetz, Quote was auch immer. Der Mittel gibt es viele. Wann welches das richtige ist, ist eine andere Frage.

Ach ja, die Desktop-Bilder hab ich vergessen – oder Werbung, Fotos, you name it. Da werden Frauen von Menschen zu Objekten, die angegafft werden. Da werden Menschen reduziert auf ihr Aussehen und ihre Rollenklischees. Und nein, das ist nicht gut. Klar, könnt die vollbusige Dame mit tiefem Ausschnitt auf dem Desktop haben, aber dann wundert euch nicht, wenn jemand anderes ein Problem damit hat. Ja, ich weiß, das Äquivalent gibt es auch für Männer. Aber da ist es weitaus nicht so gehäuft und die Klischees für Männer sind meist weitaus positiver belastet, als die für Frauen. Es ist einfach mistig.

Ihr wollt doch auch, dass es keinen Rassismus mehr gibt? Sprich: alle Menschen egal welcher Herkunft und Hautfarbe sollen gleichbehandelt werden. Was ist daran so schwer, das Gleiche auch auf Geschlecht auszudehnen? Ihr seid gegen Racial Profiling, aber gegen Gender Profiling, das einfach in vielen Köpfen immer noch stattfindet, wollt ihr nicht wirklich was tun? Zugegeben ich habe mit der verwendeten Sprache von so manchem feministischem Blog auch so meine Probleme und das Wort „Kackscheiße“ ist sicherlich nicht eins meiner Lieblingswörter. Und ich bin auch der Meinung, dass es der Sache schaden könnte. Aber auch die nicht moderaten muss es geben. Weil sie häufig viel Zeit in die Sache stecken. Die Sache ist, dass ich sie besser verstehen kann, als der pure Hass, der auf der „Gegenseite“ auftritt. Die Frauen und Männer, die äußerst provokant für Gleichberechtigung von Frauen schreiben, haben gegebenenfalls Erfahrungen, die sie dazu bringt diese Sprache zu nutzen. Aber der Hass auf der Seite der Anti-Feministinnen. Wo kommt der her? Ich versteh es nicht. Da muss doch noch irgendwas tieferes hinterstecken. Vielleicht beim nächsten Schreiben eines Kommentars nochmal tief durchatmen, eine Nacht schlafen und in sich gehen, was da eigentlich steht und was das eigene Problem damit ist und versuchen sich in die andere Seite hineinzuversetzen. Empathie ist etwas tolles.

Wie auch immer. Ich denke wir sind uns einig, dass wir alle wollen, dass alle gleichbehandelt werden, oder? Ich bin froh, dass ich ein weißer Mann mit deutscher Staatsbürgerschaft bin, der fürsorgliche Eltern hat. Alles Vorteile, die mir voraussichtlich mein ganzes Leben zur Seite stehen weil die Gesellschaft entsprechend gepolt ist. Ich hoffe aber, dass all diese Vorteile sich irgendwann aufheben. Ich versuche an mir zu arbeiten, um dieses Ideal zumindest für mich umzusetzen. Aus dem einfachen Grund, weil ich nicht scheiße behandelt werden will und davon ausgehe, dass Menschen mich (hoffentlich) so behandeln, wie ich sie behandle.
Ist häufig nicht einfach, aber man kann es ja zumindest versuchen. Du doch auch, oder?

2 Gedanken zu „Wir wollen doch alle das Gleiche

  1. Stimme dir in so ziemlich allen Punkten zu. Anmerken würde ich auch gerne, dass es zumindest mir als Mann gegen den Strich geht, dass ständig mit „gephotoshopten“ geworben wird. Denn letztlich schreit einem so eine Anzeige doch nur ins Gesicht, dass man als Mann so triebgesteuert unterbelichtet ist, dass man jeden Scheiß kauft, der mit Brüsten beworben wird.

    Was den Hass der Anti-Feministen angeht, könnte ich auch nur spekulieren. Letztlich glauben sie, dass sie durch den Feminismus ausschließlich eingeschränkt werden in ihrer schönen Welt. Vielleicht ist das ähnlich wie beim Rassismus: Es wird nie vergehen, aber über die Zeit werden die schlimmsten Schreihälse aussterben. Vielleicht alles nur eine Sache der Gewöhnung.

    Nun muss man aber auch die „hardcore“ Feministen mal etwas zügeln. Die meisten Forderungen sind vollkommen gerechtfertigt. Aber man kann nicht von einer Gesellschaft verlangen, die in Jahrhunderten/-tausenden angelegten Gewohnheiten allesamt in einem Rutsch zu annihilieren. Vielleicht wäre es geschickter, nach und nach die größten Diskriminierungen zu bekämpfen, wie bspw. in der Arbeitswelt, Gehalt etc. .

  2. Nur weil man(n) sich für weibliche Körperformen interessiert, würdigt man sie zum Objekt herab? Das ist doch so 68. Der postmoderne Feminismus ist schon lange darüber hinweg …

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