Kommentar zu WR382 Frau Diener verreist nach Tokio

Holgi hat mit Frau Diener über ihre Reisen im Rahmen ihrer journalistischen Arbeit nach Kyushu und Tokyo geredet. Ich habe dazu einen kürzeren und längeren Kommentar geschrieben:

1) Ehm…Der Shogun (also die Tokugawa-Familie) hatte seinen Sitz in Edo (später Tokyo). Der Kaiser hatte seinen Sitz in Kyoto. Der Umzug der Hauptstadt erfolgte nachdem der Shogun seine Macht verloren hatte. Man wollte zum einen die Ländereien des Shoguns übernehmen und Edo war nun mal die “wirkliche” politische Hauptstadt. Daher wurde der Sitz des Hofs nach Edo verlegt, der Kaiser nahm seinen Platz im Palast des Shoguns (der heutige kaiserliche Palast) ein und die Stadt wurde von Edo in Tokyo (östliche Hauptstadt) umbenannt.

2) Ich hatte ja schon kurze Kommentare vorher abgegeben, jetzt hab ich die Folge komplett durchgehört und habe da ein paar Kommentare und werde chronologisch vorgehen. Kurzer Disclaimer: ich habe vor 10 Jahren für ein halbes Jahr Working Holiday gemacht und in einer japanischen Gastfamilie gelebt und bin Langzeitstudent der Japanologie.
Aber allem voran kurz das Thema Harmonie (ich werde da gegebenenfalls von Wa, dem jap. Begriff schreiben). Ich kauf das nicht mehr. Es ist eine schöne simple Erklärung für komplexe Sachverhalte. Und was wissen wir über schöne simple Erklärungen für komplexe Sachverhalte? In der Regel sind sie Mist.

Thema Aufarbeitung der Kriegsschuld. Ich bin auch lange davon ausgegangen, dass das was mit Scham und über schamvolle Dinge redet man nicht zu tun hat, aber inzwischen würde ich eine andere These haben. Im Gegensatz zu Deutschland lief die “Entnazifizierung” etwas anders ab. Nachdem Japan verloren hatte wollte MacArthur (der General, der die Besatzung leitete) eine Art Schweiz Ostasiens aus Japan machen. Dabei wurden auch die ganzen rechten Kräfte entfernt und linke eingesetzt. Dann gewann Mao den Bürgerkrieg in China und auf einmal gab es eine 180°-Wende. Aus der Schweiz Ostasiens musste ein antikommunistischer Schutzwall werden. Die linken Kräfte wurden wieder entfernt und dafür die rechten von vorher eingesetzt. Die hatten schließlich auch ein Problem mit den Kommunisten. Und die rechtskonservativen waren in Japan immer recht stark und kümmerten sich auch gerade in den “wichtigen” Bereichen um ihre Interessen. Während die Lehrer so eine richtig linke Bastion ist, scheint das nicht der Fall zu sein im Bereich Schulbuchfreigabe und Lehrplänen. Die Lehrpläne behandeln meines Wissens nach im Gegensatz zu Deutschland den 2. WK nur sehr gering. In Deutschland hatte ich das gefühlt ein Dutzend Mal bis zum Abitur. In Japan muss (da bin ich nicht ganz faktenstark ehrlich gesagt) das wohl eher so mal eine Woche vor den Sommerferien sein und fertig. Zu wenig Zeit um das Thema zu behandeln. Dazu kommt das die Lehrbücher das alles wohl recht gekürzt wiedergeben. Außer es kommt mal wieder zu einer Schulbuchkontroverse weil eine sehr rechte Gruppierung ihr Lehrbuch genehmigt bekommen hat und darin Geschichtsrevision betrieben wird. Das Lehrbuch wird zwar dann nur an einer Schule o.ä. eingesetzt, gibt aber trotzdem immer wieder Knatsch mit den Nachbarn. Kein Wunder: überlegt mal ein Verein nahe der NPD würde ein Geschichtsbuch für den Unterricht in der Sekundarstufe 1 zugelassen bekommen.

Zum Nagasaki-Atombombenmuseum und keine Aufarbeitung der Kriegsschuld hatte mich interessiert wer wohl dahintersteht und deswegen griff ich mal zu Google. Ich fand nur ein Nagasaki Friedensmuseum was genau eben jenes zu sein scheint und das hat wohl eine extra Ecke zum Thema Untaten Japans im 2. WK. Ich war nie da, aber ist es evtl. ein Teil gewesen, der nicht wirklich auf Englisch umgesetzt wurde? Anekdotische Evidenz: Heute bin ich im Verkehr- und Technikmuseum gewesen: im Bereich Züge gab es auf Englisch eine Tafel an der ich fast vorbeigelaufen wäre zum Thema die Bahn und der 2. WK. Auf Deutsch gab es da eine Reihe zum Thema Judenvernichtung und deutsche Reichsbahn. Die Fotos waren aber nicht sehr aussagekräftig wenn man nicht wusste was da stand. Nur so als Idee.

Fukushima, Gesicht verlieren, Harmonie: da hat eher niemand was gesagt weil TEPCO (Tokyo Electric Power Co) ein Verbrecherverein ist und vermutlich auch entsprechende Politiker zu tief drin hängen. Das Blog japansubculture.com von u.a. Jake Adelstein, ein US-Amerikaner, der lange in Japan lebte und für den japanischen Teil der größten Tageszeitung lange gearbeitet hat und Autor von Tokyo Vice, hat da ne Menge drüber geschrieben.

Das mit den nicht “nein” sagen können ist einfach Kultursache. Da steigt man irgendwann hinter.

Tokyo ist nicht in der Mitte Japans sondern ziemlich im Osten von Honshu. Durch die Mitte von Honshu läuft ne fette Gebirgskette (die auch der Grund für den wenigen Schnee in Tokyo ist; dafür gibt’s in Westjapan massig Schnee).

Onsen ist nicht das “Bad”, sondern es sind heiße Quellen. Das mit dem vorher abduschen ist eigentlich ganz angenehm. Dafür wird das Wasser halt nicht zugechlort.
Der Yukata ist ein lockerer Sommerkimono, ist halt traditionelle Freizeitkleidung. Wird auch gerne bei Feuerwerken im Sommer getragen.

Kein Koffein: Grüner Tee hat doch Koffein. Und es gibt ja auch noch warmen Dosenkaffee? Man kann halt nicht erwarten, dass es überall den gleichen Kram wie zu Hause gibt 😉

Japanisches Frühstück ist toll. Natto ist aber einfach nur widerlich. Ich hab’s nur mal in nem Maki (Sushi) probiert, weil dafür mein Gegenüber versprach Milchreis zu probieren. Damit kann man Japaner jagen.

Japanische Badezimmer sind ein wenig anders. Ich hab nur ein paar Wohnungen gesehen und nie ein Hotelzimmer. Bei den Wohnungen mit Platz gab es eine große Nasszelle. Das war ein komplett gekachelter Raum, der auch eine Duschbrause hatte und da hat man sich abgeduscht. Daneben gab’s einen extra Raum mit dem Ofuro (der Badewanne). Dadrin war immer sehr warmes Wasser, dass auch von der kompletten Familie genutzt wurde. Nichts ist toller als nach nem Arbeitstag sich vor dem Bett zu duschen und dann nochmal ins Ofuro zu steigen. Leider konnte ich nie meine Gewohnheit ablegen morgens duschen zu müssen. Daher duschte ich dann zweimal am Tag… In Wohnungen mit wenig Platz, die dann auch nur für eine Person gedacht waren gab es nur eine Wanne. Dadrin hat man geduscht und dann sich das Wasser für das Ofuro eingelassen. Ist vermutlich in Hotels ähnlich.

Eine Fahrt mit dem Shinkansen ist in der Regel sogar teurer als ein Inlandsflug. Ist aber geiler.

Toiletten: nie nen Plumpsklo gesehen in Japan? Die waren sehr gewöhnungsbedürftig und ich hab auch ranzige Toiletten gesehen. Bei meiner Gastfamilie gab’s nen beheizten Klositz. Die berühmten High Tech-Toiletten hab ich nur selten gesehen. Aber ich hatte auch nicht wirklich Geld und bin deswegen nie irgendwohin gegangen wo es sowas gab. Selbst in der Kneipe/Restaurant in dem ich arbeitete gab’s das nicht.

Schuhwechsel an jedem Restaurant? Das hab ich exakt einmal gesehen und das war übelst teuer und hätte ich mir nie alleine leisten können. War übrigens ein Tofu-Restaurant und auch wenn ich kein großer Tofu-Fan bin, das war großartig und ich habe mich in Yuba verliebt (so ne Art Tofu-Haut). Die hab ich aber nie außerhalb Japans gefunden 🙁

Die Sache mit der Musik bei den Toiletten. Es gehört sich nicht, dass man bei Frauen den Pinkelstrahl zu hören bekommt. Daher haben sie immer die Spülung betätigt, wenn sie auf Klo waren. Zwecks Wassersparens wurde dann erst die Imitation des Wasserspülgeräuschs und später die Musik eingeführt. Bei Männern ist das übrigens egal.

Japan ist ne Insel und es gab nie Einflüsse. Ja, nein, stimm ich auch ungern zu. Ja, Japan ist nen Inselstaat der lange isoliert war und man kann sicherlich irgendwie Eigenheiten darauf zurückführen, insbesondere die Xenophobie. Aber auch die ist das größte Problem an der Sache. Einflüsse gab es immer, selbst in der Phase des Komplettabschlusses wurden Dinge aus China und Korea aufgenommen. Später in der Meiji-Zeit, der Industrialisierung durch die Europäer und nach dem zweiten Weltkrieg gab es eine massiver Amerikanisierung. Und diese Einflüsse spiegeln sich überall wieder: in der Architektur, den Religionen, der Mode, Sprache usw usw usw.

Ja, an kawaii kann man eingehen. Oder man gewöhnt sich dran und macht es irgendwann in Maßen selber mit 😉

Tokyo ist seit Ewigkeiten mehrsprachlich was Beschilderung angeht. Aber man muss nur ein wenig rausfahren und schon ändert sich das. Und die verbalen Englischkenntnisse in Japan sind eher gering. Liegt übrigens daran, dass man in Japan Englisch in der Schule durch’s Übersetzen beibringt und wir es durch Konversation lernen.

Es gibt Tagestickets? Seit wann das denn? Ich hatte von meinem Job nen Monatsticket und das galt exakt für die Strecke auf der ich gefahren bin. Ansonstne zieht man halt ein Ticket und zahlt für exakt die Strecke. Und Öffis waren echt teuer. Außer man ist vielleicht im Ring geblieben. Aber da fährt man ja auch kaum Stationen und berechnet wird immer von der günstigsten Strecke.

Blade Runner: Tokyo war in den 80ern wie man sich die Stadt der Zukunft vorgestellt hat. Da war Japan ja auch echt groß und weit voraus (außer bei den Computern, aber das ist eine andere Geschichte). Einmal nachts auf die Hauptstraße von Shinjuku und man findet sich in den Dark Wave- und Cyberpunkromanen der 80er und Anfang der 90er wieder.

Okonomiyaki ist nicht Omelett, sondern Pfannkuchen in den Kohl eingebacken wird. Da kommt dann noch Kram drauf, je nach Region ein Spiegelei, Okonomiyakisauce und japanische Majo und es schmeckt. Vielleicht muss ich dich mal zum Essen einladen, wenn wir zu Hause Okonomiyaki machen 😉
Das ist übrigens ein Essen was man bei Feuerwerken oder anderen Veranstaltungen mit Fressbuden isst oder z.B. in der Kneipe wenn man mit seinen Freunden/Kollegen was trinken geht. Oder man macht es halt zu Hause. Die Seite sieht ganz gut aus in Sachen Okonomiyaki: http://okonomiyakiworld.com/best-okonomiyaki-recipe.html. Im Vinh Loi (http://www.vinhloi.de/store/) bekommst du in Berlin auch die Zutaten.

Was isst der Japaner generell: Fisch und Reis natürlich. Die Fischtheken sind dort wie hier die Wurst/Fleischtheken und das Fleischangebot ist dort, wie hier das Fischangebot (in Berlin). So als grober Vergleich. Man kommt in der Regel mit sechs “Gewürzen” aus: Sojasauce, Mirin (süßer Kochreiswein), Sake und Zucker. Dazu kommt noch helles und dunkles Miso, eine Bohnenpaste. Je nach Verhältnis gibt es andere Saucen. Das ganze dann auf Reis mit Fisch/Fleisch (eher Geflügel als Rind und Schwein) und Gemüse. Dazu kommen Nabemono im Winter, das sind eine Art Eintopf, die man am Tisch kocht. Dann gibt es noch japanische Curry, mein Lieblingsessen, Nudelsuppe und auch Junk Food wie McDonald’s. Es gibt natürlich noch viel mehr und sehr schöne regionale Küchen.

Sushi ist übrigens eigentlich Fast Food, inzwischen halt nur veredelt. Aber es begann sein Leben als Fast Food.

Wenn du mal den guten Thunfisch haben willst, gehst du zu einem guten Sushiladen, in Berlin empfehle ich das Sasaya oder auch inzwischen wieder das Isshin und bestellst Toro. Maguro ist der Standard, Toro ist der geile Kram – ist aber auch teurer.

Tokyo und Zentralismus: Tokyo ist das Zentrum seit der Tokugawa-Zeit, also seit Anfang des 17. Jh. Und Tokugawa Ieyasu, der Macht habende Shogun ab 1603, hatte mit seinen Maßnahmen die Daimyo (Kriegsherren) zu kontrollieren auch massiv dafür gesorgt, dass alle Wege nach Tokyo führen.

Wie oben erwähnt gibt es viele regionale Küchen. Das rohe Pferdefleisch könnte eine regionale Spezialität sein. Äppelwein bekommst du ja auch nicht wirklich gut in Berlin (so als Beispiel).

Die Sache mit ab 40 hat der gemeine Salariman keinen Bock mehr nach Hause zu gehen: na ja, man geht halt erst nach dem Chef in der Regel. Und dann geht man vielleicht noch was trinken mit den Kollegen. Freitags ist das sowieso die Regel, dass man mit den Kollegen und dem direkten Vorgesetztem was trinken geht. Unter Alkoholeinfluss (auch wenn der gar nicht so stark ist) darf man dann auch mal seinen Chef ankacken und niemand nimmt es einem übel. Finde ich eigentlich ne gute Sache. Aber so krass ist das heute auch alles nicht mehr. Vom neuen japanischen Mann der sich mehr um die Familie kümmert, Urlaub haben will und eine bessere Work-Life-Balance anstrebt, reden wir bestimmt schon seit 10 – 15 Jahren, eher länger.

Pachinko ist Volksbelustigung. Ich versteh es auch nicht. Aber ich habe sogar Familien gesehen, wo das ein Familienausflug am Wochenende waren. Die Eltern sind zum Pachinko gegangen und die Kinder in das Game Center (Arcade, Videospielhalle) nebenan. Ich persönlich kannte niemanden der wirklich Pachinko spielen gegangen ist. Eine Bekannte hat’s mir mal gezeigt, aber das war es auch.

Pro-Nordkoreahaltung von Koreanern in Japan: aaaalso. Die Koreaner, die heute in Japan leben stammen in der Regel von den Zwangsarbeitern ab, die nach Japan zur Zeit der Besetzung Koreas geschifft wurden und nach dem zweiten Weltkrieg nicht zurückgekehrt sind. Wie wir wissen war der Süden mit den USA und damit auch mit Japan verbündet und der Norden mit der anderen Seite. Als sich dann die Teilung herauskristallisiert hatte, konnten die Koreaner in Japan wählen, ob sie Nord- oder Südkoreaner werden. Da sie aber gegen Japan waren, trotz dessen dass sie dageblieben waren, waren sie auch gegen Südkorea und damit für Nordkorea. Außerdem haben sie da ggf. auch Verwandtschaft. Die Einnahmen aus dem Pachinko gehen dann auch nicht unbedingt direkt an das nordkoreanische Regime, sondern schon an Verwandtschaft in Nordkorea. Bei dem Geldversand wird dann natürlich auch was eingestrichen. Ich habe so ne Zahl vom 2/3 des nordkoreanischen BIPs kommt von Nordkoreanern in Japan (und zu großen Teilen aus Pachinkohallen kommt von Nordkoreanern in Japan (und zu großen Teilen aus Pachinkohallen)). Ich weiß jetzt aber nicht genau, ob die Zahl so exakt ist. Zum Leben der Koreaner in Japan und den Schikanen denen sie so ausgesetzt sind, empfehle ich wärmstens den Film Go (http://www.imdb.com/title/tt0299937/?ref_=fn_al_tt_2). Großartiger Film.

Wie teuer ist Tokyo: Vor 10 Jahren hieß es, dass man als Tourist 25-30€/Tag + Hotel rechnen sollte.

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