Fehlende Bürgerbeteiligung beim Tempelhofer Feld

Die TAZ hat einen Artikel geschrieben über die fehlende Bürgerbeteiligung beim Tempelhofer Feld. Essenz des Artikels ist: Alle wollen direkte Demokratie und dann kümmert sich niemand. Nachdem ich den Artikel komplett gelesen habe, dachte ich nur „What the Fuck? You serious?

Seit Dezember 2015 gibt es eine Webseite auf der man sich beteiligen kann beim Tempelhofer Feld. Die Phase des Sammelns der Vorschläge geht laut dem Artikel bis Ende Februar. Tilmann Heuser, der Koordinator der Bürgerbeteiligung und Geschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz teilt aber mit, dass die Werbung noch nicht richtig angelaufen sei dafür. Wir schreiben übrigens den 20. Januar. Es gebe wohl auch Veranstaltungen vor Ort um den Dialog zu suchen.

Finde ich interessant. Ich wohne etwa 5 – 10 Minuten fußläufig vom Tempelhofer Feld. Und ich wusste exakt nüscht davon. Zugegeben, ich habe mich nicht wirklich gekümmert was da gemacht wird und wie die Bürgerbeteiligung aussehen wird. Ich schließe mal von mir auf andere, aber ich glaube anderen geht es ähnlich. Und zur Abstimmung wurde ja ohne Ende Werbung gefahren.

Meine Vermutung war, dass man informiert wird als Anwohner. Man könnte ja die Anwohner im Umkreis per Flugzettel im Briefkasten informieren. Dürfte nicht so schwer und teuer sein. Und wie kann ich denn bitte eine Plattform zur Bürgerbeteiligung starten, Werbung dafür einplanen und dann die Werbung so spät anlaufen lassen, dass bei der ersten Phase davon noch nahezu nichts zu sehen ist.

Ich glaube nicht, dass es unbedingt am Unwillen der Bürger liegt, dass sich da niemand beteiligt. Sondern an fehlender Kommunikatio und einfach nahezu niemand davon weiß, dass es die Plattform gibt.

Zu wenig Schmerz

„The silent majority is outraged!“

@tante

TL;DR: Die Totalüberwachung der NSA und anderer Nachrichtendienste wird als Problem wahrgenommen, aber es tut nicht weh genug.

Heute habe ich mir den Vortrag von Jacob Appelbaum auf dem 30C3 angesehen. Das war schon ziemlich heftig, auch wenn ich Teile davon wusste. Und wie so oft in den letzten Monaten musste ich über die ganze NSA-Sache nachdenken. Was es für mich bedeutet und warum der laute Aufschrei fehlt. Die Medien berichten darüber. Das Thema scheint die Leute zu interessieren, ansonsten wäre es schon längst wieder aus den Medien verschwunden. Schließlich leben sie von Einschaltquoten und Verkaufszahlen.

Ich unterhalte mich auch immer mal wieder mit Menschen über das Thema, die sich nicht in meiner Tech-Filterblase befinden. Die Meinung ist weitgehend: „Es ist schlimm, aber was soll ich schon tun?“ Und wenn das Gespräch lang genug anhält, dass Verschlüsselung angesprochen wird, ist sie entweder zu kompliziert oder die Reaktion ist schlussendlich: „Und mit wem schreib ich dann? Benutzt ja sonst niemand.“

Also die üblichen und bekannten Probleme.

Aber vielleicht ist es auch noch etwas anderes. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass vor ein paar Jahren viele Leute File Sharing betrieben haben, um nicht nur Linux-Distributionen herunterzuladen. Mit der Zeit ist es weniger geworden. Denn die Einschläge kamen näher. Und wenn auf einmal die Abmahnung bei Freunden landete oder gar bei einem selbst, dann war Schluss damit1. So lang das aber nicht passierte, wusste man zwar um die Gefahren, machte aber munter weiter. Ich denke mit der Totalüberwachung durch Nachrichtendienste ist es ähnlich. So lang man die Gefahr nicht zumindest aus zweiter Hand erlebt, ist die Gefahr einfach zu fern, zu abstrakt. Es ist noch nicht mal ein „Ich habe nichts zu verbergen“, als ein „Mir wird schon nichts passieren“. Das Bewusstsein der Datenabgraberei durch Unternehmen und Staaten scheint vorhanden zu sein. „Warum soll ich meine E-Mails verschlüsseln? Ich benutz Google Mail, die lesen doch eh alle meine Mails“, habe ich gerade erst heute zu hören bekommen.2 Ich höre von mehr Leuten, als ich erwartet habe, dass sie z.B. Facebook gar nicht oder sparsam benutzen. Sie wollen eben nicht, dass eine Firma sie plötzlich besser kennt, als sie sich selbst.

Der Schmerz ist einfach nicht groß genug, als dass man dagegen etwas tun möchte. Es gibt auch keine lauten Bürgerrechtsgruppen3, die sich um das Problem kümmern. Ich sehe ja noch nicht einmal aus dem linksextremen Lager Poster oder ähnliches. Und in der Gegend in der ich lebe, rufen sie auf Postern zu diversen Straftaten wegen der Gentrifizierung auf.

Die einzigen, die sich darüber so sehr darüber aufregen, dass sie nach weiteren Informationen zum Thema suchen und vielleicht sogar etwas schreiben, sind du und ich. Ja, du, der diesen Text gerade liest. Sonst hättest du den Weg nicht hierher gefunden. Und was habe ich getan? Ich mache mir seit Monaten Gedanken und schaffe es nicht einmal mich zu überwinden mein Betriebssystem zu etwas zu wechseln, das vermutlich etwas sicherer ist. Geschweige denn den Versuch zu starten mich mit anderen zu organisieren, damit das Thema in den Meatspace getragen wird. Der Schmerz ist einfach nicht groß genug.

“Gebt mit sechs Zeilen von der Hand des ehrlichsten Mannes, so werde ich etwas finden, um ihn an den Galgen zu bringen.“
— Armand Jean du Plessis Richelieu


  1. Und wechselte zu Streaming-Plattformen…

  2. Ja, ich habe dann gleich drauf hingewiesen, dass Google dann nicht mehr die Mails lesen könne. Die Antwort darauf war, dass der Inhalt den Aufwand nicht wert sei und wenn das wirklich jemand bei der NSA liest, hat der Analyst der NSA es nicht anders verdient als an purer Langeweile zu sterben.

  3. Nein, im Netz dazu etwas zu schreiben ist nicht „laut“ sein. Stände in Fußgängerzonen und auf Volksfesten haben ist laut, Flyer verteilen ist laut, Leute auf der Straße aufklären ist laut, Politiker ansprechen, ihnen Briefe und Faxe schreiben ist laut.

Japan State Secret Law im Blue Moon

Am 02.01.2014 hab ich bei Marcus Richter aka Monoxyd im Blue Moon mit freier Themenwahl angerufen und über das neue Gesetz zu Staatsgeheimnissen in Japan gesprochen.

Den Blue Moon gibt es hier zum Download. Ich bin gleich der erste Anrufer.

Jahresrückblick 2013

Hm, Jahresrückblicke. Ich hab ja das große Problem, dass ich teilweise wirklich ein Problem damit habe, was wann geschah und gerne Dinge zeitlich durcheinander werfe. Da denkt man sich, dass das alles ganz kurz zurück liegt und dann ist schon viel länger her und andere Dinge fühlen sich so weit weg an und dann ist das gerade erst ein paar Monate her.

TL;DR:

Ergo: alles nicht so schön.

NSA

Versuche ich trotzdem mal meine Gedanken zum Jahr 2013 in Worte zu fassen. Das große Thema war wohl die Sache mit der NSA, die immer noch weiterläuft. Aktueller Stand in meinem Kopf ist, dass sie alles und jeden abhören können, erstmal mitschneiden, wie der GMail-Bot scannen und evtl. mehr Interesse an der eigenen Person äußern. Wer dieses und jenes kommuniziert hat, begeht auch häufiger einen Anschlag. Und die „westliche“ Geheimdienstgemeinde teilt sich ihr Wissen auch.

Was bedeutet das für mich? Wenn ich kommuniziere, kann ich davon ausgehen, dass zumindest die USA, wenn nicht auch andere Nachrichtendienste inkl. deutscher zumindest erstmal abgreifen. Hat sich dadurch meine Kommunikation geändert? Nicht wirklich. Ich hab’s versucht mit SSL-Everywhere, aber das funktioniert nicht im Safari und auch nicht unter iOS. PGP-Signaturen sehe ich immer noch selten und Jabber nutz ich eh wenig, wobei dann häufiger mal mit OTR. Mein Dropbox-Nutzungsverhalten hat sich auch nicht geändert und ich nutze weiterhin OS X. Also nein. Keine Änderung.

Es gibt nur ein allgemeines Gefühl von Ohnmacht und wenn mich jemand zur Thematik fragt und was sie oder er machen soll, antworte ich: Verschlüsselung ist grundsätzlich gut. Damit kann man zumindest den Hacker aus Kleinkleckersdorf in der Regel abhalten. Wenn du Angst vor einem Nachrichtendienst hast, hast du noch ganz andere Probleme und du würdest vermutlich nicht mit dieser Frage zu mir kommen. Gegen einen Nachrichtendienst kann man sich als einzelne Person nur begrenzt verteidigen. Und digitales Leben wird dann sehr kompliziert.

Linux

Im Zuge der ganzen Sache, habe ich mir aber wieder mehr Gedanken über Linux gemacht. Als Tante 30 Tage mit OS X gelebt hat (Podcast-Feed), habe ich versucht mit Linux für einen begrenzten Zeitraum zu leben und habe darüber gepodcastet (Folgen 8-11). In meinem Job habe ich auch einen Linuxversuch gestartet. Beide Versuche sind gescheitert. Am Laptop lag es daran, dass ich von einem USB-Stick lebte. Der erste war zu klein und zu langsam, der zweite war viel zu langsam. Im Job war Linux in der VM und Windows das Host-OS. Am Ende hängt man dann doch wieder hauptsächlich im Host-OS rum.

Am Ende muss ich aber sagen, dass das Leben mit Linux ginge. So viel zu vermissen gäbe es auch nicht. OS X ist schicker, aber wenn mir mein MacBook Air irreparabel kaputt gehen würde und ich nicht mal ansatzweise eine Finanzierungsmöglichkeit sehen würde für ein neues Gerät, könnte ich zu Linux wechseln ohne allzu großes Gejammer. In meinem Job könnte ich vermutlich auch zu Linux wechseln und die Fachanwendungen einfach in ner VM laufen lassen.

Das einzige was ich vermutlich so richtig vermissen würde, wäre OmniFocus, OpenEmu und BibDesk.

Außerdem hatte ich für nen Monat oder zwei eine Kommandozeilenphase. Da habe ich mich mit tmux, mutt, ttytter und Texapp auseinandergesetzt. Und alles funktionierte erstaunlich gut. Da war die Haupterkenntnis am Schluss, dass auch ein Leben mit Linux wirlich gut ginge. Aber nur in der Shell leben geht leider für mich nicht so ohne weiteres. Obwohl mit einem extra Gerät für PDFs das vermutlich schon wieder ginge. Aus früheren Zeiten weiß ich, dass ich auf einem recht schwachbrüstigem Gerät (ein Toshiba Libretto L1) auch Videos auf’m Framebuffer schauen konnte. Was wiederum heißt, dass ich auch mit sehr kleinem Geldbeutel notfalls arbeiten könnte und mir mal wieder bewusst gemacht hat, was für ein Luxus eigentlich so ein MacBook Air ist. Ab und zu schau ich schon mit ein wenig Neid auf Thinkpads. Die sind einfach so viel besser zu warten.

Apple

Allgemein hat sich eh mein Verhältnis zu Apple mal wieder verschlechtert. Mein MacBook Air von Oktober 2008 hat sich mit einem RAM-Fehler verabschiedet. Und so konnte ich einen Laptop, den ich normalerweise für 15€ hätte reparieren können in die Tonne treten. Oder in meinem Fall sogar noch auf ebay verscherbeln. Ein sehr unschönes Gefühl, wenn sich ein 1000+€-Gerät so verabschiedet. Ich drücke beide Daumen, dass mein aktuelles MacBook Air lange hält. Und dann stand der Kauf von neuen iPhones an. Das alte 3GS hat eine kaputte Scheibe und vibriert ohne Ende wenn der Mute-Schalter gedrückt ist. Mal abgesehen davon, dass nur noch iOS6 funktioniert. Und wenn man sich mal bewusst wird, wieviel so ein neues iPhone kostet, überlegt man sich das doch dreimal, ob iOS das wirklich wert ist und ob man es braucht, vor allem wenn der Monat häufiger doch noch ein paar Tage hat, wenn das Geld all ist. Aber zum Glück arbeite ich jetzt Vollzeit. Damit wird zumindest das 3GS ein 5S und das 4S bleibt noch ein Jahr in Betrieb. Aber ein schaler Geschmack bleibt. Vor allem, wenn man sich die Preise von nem Nexus ansieht, was in einer ähnlichen Klasse spielt. Aber da hat man dann keine Software für und hängt an Google.

Das war es in Sachen Technik denke ich.

Bundestagswahl

Was gab es noch? In Sachen Politik gab es die Wahl zum Bundestag. Meiner Meinung nach sehr enttäuschend. Auch wenn die Piraten sich selbst zerlegt haben, hatte ich doch gehofft, dass sie gerade so die 5% reißen. Dass die AfD fast 5% erreicht hat, ist erschreckend. Aber sie haben sich vermutlich gut verkauft und von Gesprächen, scheinen viele nicht die rechten Untertöne gehört zu haben. Die FDP ist raus, das ist gut. Aber die kommen vermutlich wieder. Schwarz-Rot ist nicht unerwartet. Eine alleinige Regierung durch die CDU hätte ich besser gefunden. Dann hätten sie keine Ausreden mehr gehabt. Schwarz-Grün wäre ganz schön gewesen, damit viele der Grün-Wähler endlich mal mitbekommen, wie konservativ die Grünen und auch sie selber sind. Und Rot-Rot-Grün wäre grandios gewesen, aber nun ja. Mit der Linken will ja niemand. Tja, wenn alles gut läuft, passiert vier Jahre nichts. Wenn alles schlecht läuft, haben wir am Schluss Vorratsdatenspeicherung mit entsprechender Verfassungsänderung, keinerlei Netzneutralität und weitere arge Einschnitte im Sozialwesen. Die Reihenfolge sagt nichts über die Wichtigkeit dieser drei Dinge aus.

Japan

Zum Thema Japan fällt mir nur ein, dass wir eine relativ rechte Regierung haben, die für mehr Militär ist und ein Gesetz eingeführt hat, dass Whistleblower bis zu zehn Jahre in den Knast bringen kann und Journalisten, die entsprechendes Verhalten motivieren bis zu fünf. Vermutet wird, dass es zur Vertuschung von Skandalen eingesetzt werden wird. Außerdem findet der aktuelle Premier die Geschichtsschreibung nicht so pralle und will da vermutlich Änderungen in den Büchern vornehmen lassen. Den Yasukuni-Schrein besucht er auch. Wen wundert’s.

China hat dazu eine Luftverteidigungszone über dem Ostchinesischem Meer ausgerufen aufgrund der Senkaku/Diaoyu-Inseln. Ist jetzt nicht so gut.

Und dann gibt’s da noch die Abenomics. Ein Versuch der Regierung zusammen mit der japanischen Zentralbank (ab hier BoJ) die Nachfrageseite der Wirtschaft anzukurbeln. Zurzeit sieht es meines Wissens nach ganz gut für die Wirtschaft aus, dafür hat die Sparrate gelitten. Aber das ist ja auch kein Wunder, wenn die Nachfrageseite angekurbelt wird. Nächstes Jahr werden wir sehen, wie gut die Abenomics wirklich funktionieren. Ich bin gespannt. Auch im Rahmen der Auswirkungen auf die Bevölkerung.

Nordkorea

In Nordkorea wurde der Onkel Jang Song-Thaek von Kim Jong-Un zum Putschist erklärt und relativ fix exekutiert. Er war die Nummer Zwei im Staat und wenn ich es richtig verstanden habe, ein wichtiger Kontaktpunkt zu China. Seine Verbündeten erleiden das gleiche Schicksal, so wie es aussieht. Aber die Auswirkungen sind nicht so drastisch wie man erwartet. Also nicht ganz so viele Tote. Die Lage könnte sich trotzdem destabilisieren und wenn die Verbindung zu China schlechter wird ist das auch kein gutes Zeichen. Außerdem hat Amnesty International berichtet, dass ausgehend von aktuellen Satellitenbildern Lager für politische Gefangene vergrößert werden. Also alles in allem sieht es nach einer Verschlechterung der Lage in Nordkorea aus.

Mehr Themen fallen mir spontan nicht ein, aber sicher ist noch mehr passiert 2013. Aber an sich kein schönes Jahr in allen Bereichen, die mich interessieren. Vielleicht wird 2014 besser.

Idee: Strafazahlung für Unternehmen, die zu geringe Gehälter zahlen

Bei Bloomberg hab ich einen interessanten Artikel von Barry Ritholz gelesen, in dem es darum ging, dass McDonald’s und Wal-Mart die größten „Bezieher“ von Sozialleistungen sind. Danach geht der Autor auf mögliche Lösungen, mit einem sehr interessanten Vorschlag ein.

Kurz etwas zum großen M und zu Wal-Mart. Laut Artikel hat McDonald’s eine eigene Hotline, die ihren Mitarbeitern hilft, quasi Hartz IV-Anträge auszufüllen bzw. dem Äquivalent davon in den USA. Wal-Mart hat die größte Gruppe an Medicaid-Beziehern, das Krankenversicherungsprogramm in den USA für Menschen mit niedrigem Einkommen und die größte Gruppe an Beziehern von Lebensmittelmarken. Mitarbeiter von Wal-Mart beziehen im Schnitt $1000 an öffentlichen Hilfen.

Nun zu den Lösungsvorschlägen. Zwei sind bekannt: ein höherer Mindestlohn (ja, im Gegensatz zu Deutschland haben die USA einen, auch wenn er gering ist) und ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Den dritten genannten Vorschlag kannte ich noch nicht, würde ich aber auch gerne in Deutschland umgesetzt sehen. Ritholz schlägt vor, dass Unternehmen, die ihren Mitarbeitern so wenig Gehalt zahlen, dass sie staatliche Unterstützung benötigen Strafzahlungen auferlegt bekommen. Und zwar in einer Höhe der staatlichen Hilfe durch den Staat. Sprich: das Geld, dass Aufstocker bekommen, bekommt der Staat zurück vom Unternehmen. Damit werden die Kosten vom Staat, also uns, dem Unternehmen, dass sich nicht wirklich sozial verhält aufgebürdet. Natürlich wird es dann immer noch Unternehmen geben, die immer noch zu wenig zahlen, denn sie haben schließlich auch Steuerersparnisse durch geringere Bruttolöhne. Meiner Meinung nach sollten aus diesem Grund die Strafzahlungen so hoch sein, dass es keinen Unterschied mehr gibt zwischen Bezahlung des Arbeitnehmers und zu geringer Bezahlung des Arbeitnehmers plus Strafzahlung. Ausweichmöglichkeiten gibt es vermutlich trotzdem. Spontan fallen mir Teilzeitarbeit und Minijobs ein, sollte die Regelung nur für Vollzeiter gelten. Aber sicherlich gibt es da auch Lösungen wie anteilige Strafzahlungen falls der Arbeitnehmer trotzdem staatliche Leistungen in Anspruch nehmen muss.

Ich sehe das nicht kommen, vor allem nicht unter einer von der CDU geführten großen Koalition weil der Arbeitgeberverband Sturm laufen würde. Eine schöne Idee finde ich es trotzdem.

Altersdiskriminierung und Grammatikbücher

Die letzten zwei Wochen habe ich relativ viel an einer Hausarbeit gearbeitet und hatte deswegen keine Zeit was für’s Blog zu schreiben. Es ging um gesetzliche Maßnahmen gegen Altersdiskriminierung auf dem Arbeitsmarkt und wie Japan so im internationalen Vergleich dasteht. Um’s kurz zu machen: ziemlich schlecht. Es gibt nur ein Gesetz, dass aussagt, dass man Bei Stellenausschreibungen und Anwerbung nicht auf Basis des Alters diskriminieren darf und das Pflichtverrentungsalter wurde angehoben. Und bei letzterem haben die Firmen schon in der Vergangenheit gezeigt, welche Methode sie haben um das Ganze zu umgehen. In anderen Ländern sind die entsprechenden Gesetze eher mit nem menschenrechtlichen Ansatz versehen: Diskriminierung ist grundsätzlich schlecht, auch auf Basis des Alters (egal ob jungen oder älteren Menschen gegenüber).
Na ja, mal schauen was es wird. Wer Interesse hat, kann ja nen Kommentar hinterlassen, dann mail ich ihm die Arbeit zu.

yoku_wakaru_bunpouAch ja, und dann gibt’s da noch ne Sache. Ich hab mir vor Jahren ein Buch gekauft mit dem Titel „よくわかる文法“ (Grammatik leicht verständlich) und dachte, dass es nicht schlecht wäre ein Buch auf Japanisch zu haben, dass Grammatik erklärt. Damals dachte ich, dass es für Ausländer sei, die in Japan Japanisch lernen. Aber das Buch war mir damals zu schwer und ich dachte, dass es wohl eher für nen höheren Level ist. Heute hab ich das Buch mal wieder rausgekramt und irgendwo am Anfang aufgeschlagen. Und was muss ich da lesen?
„Grammatik ist für Leute, die Japanisch lernen und keine Muttersprachler sind, nicht so einfach. Selbst muttersprachliche Erstklässler haben am Anfang eine großes Grammatikwissen.“ Dann kommt ein kleiner Textabschnitt und es wird ein Satz herausgenommen:
„おじさんは、とってもりっぱなかさをもっていました。“ (Der Onkel hat einen ganz tollen Regenschirm gehabt).
„Der Kommentar dazu: Der Text hat wenige Kanji (chinesische Schriftzeichen) aber selbst die Grammatik dieses Satz ist schwer. Leute, die Japanisch als Fremdsprache lernen müssen bereits über 50 Stunden Japanisch gelernt haben um die Grammatik dieses Satzes zu verstehen.“ (keine wortwörtlichen Übersetzungen und dazu auch noch zusammengefasst)

Da hab ich mich wohl damals beim Buchkauf etwas getäuscht und hätte vielleicht keinen Impulskauf tätigen sollen. Schon auf dem Buchtitel steht, dass das Buch für nen Test ist, für Leute, die Japanisch als Fremdsprache unterrichten wollen. D’oh
Na ja, inzwischen versteh ich das was die so schreiben ganz gut, vielleicht ist ja auch neue Grammatik bei. Und wenn ich Glück hab nehm ich sogar was mit, wenn es mal dazu kommen sollte, dass ich selber Japanischunterricht gebe.

Für Anmerkungen und Fragen bin ich immer offen und freue mich über jeden Kommentar 🙂

Kinderarmut

In Deutschland kommt immer mal wieder die Diskussion über Kinderarmut auf und das dagegen etwas getan werden muss. Seitdem ich mich mit Japan beschäftige, habe ich allerdings noch nie etwas über Kinderarmut in Japan gehört. Es wird zwar viel über die überalternde Gesellschaft gesprochen und dass die Geburtsraten immer weiter sinken1, aber man hört wenig über Kinderarmut.

Ein guter Grund sich das Thema mal genauer anzusehen. Leider muss ich sagen, dass man im Netz wenig dazu findet und auf totem Baum sieht es anscheinend ähnlich aus. Aber genug des Vorgeplänkels, kommen wir zum Thema.

Die Kinderarmutsrate ist im OECD-Vergleich in Japan relativ hoch. Sie liegt laut einer OECD-Studie von 2006 bei 14,3%. Im Vergleich dazu ist der OECD-Durchschnitt 12%, in Deutschland ist sie knapp über 10%.
49% der Kinder, die in Armut leben, leben in Familien mit min. zwei Erwerbstätigen, 49% in Haushalten mit nur einem Erwerbstätigen und gerade mal 2% in Haushalten ohne Erwerbstätigen.
Bei den Single-Müttern haben 83% einen Job aber die Hälfte davon sind in einem nicht-regulären Arbeitsverhältnis angestellt. In nicht-regulären Arbeitsverhältnissen, also Zeitarbeit, Teilzeitjobs und ähnliches sind „überaschenderweise“ die Löhne niedriger als bei regulären Angestelltenverhältnissen.
Gerade einmal 70% erhalten Zuschüsse für die Kinderpflege und 58% der Single-Mütter leben in relativer Armut.
Dazu kommt noch folgendes: Die 20% in Japan mit dem geringsten Einkommen zahlen 7,4% der gesamten Steuern (OECD-Durchschnitt 4%), erhalten aber nur 1,3% der Transfers (OECD-Durchschnitt 4%). Japan ist das einzige Land in dem nach Steuern und Transfers die Kinderarmut konsistent höher ist als vor Steuern und Transfers!

Ōishi2 hat 2007 untersucht welche Folgen Kinderarmut hat und Oshio et al. 3 hat dieses Jahr darauf aufbauend weitere empirische Untersuchungen durchgeführt. Die Ergebnisse sind nicht weiter überraschend: Kinder, die in armen Familien aufgewachsen sind erlangen eher geringe akademische Abschlüsse, die Wahrscheinlichkeit ist höher, dass sie selbst wieder unter die Armutsgrenze fallen, fühlen sich weniger glücklich und sind weniger gesund.

Da wie schon oben beschrieben nur ein sehr geringer Teil der an Armut leidenden Kindern in Haushalten leben ohne Erwerbstätige/n, hilft es noch nicht einmal etwas, dass Japan die Anzahl der Arbeitsplätze erhöht um etwas Kinderarmut zu tun. Bei der relativ geringen Arbeitslosenquote, die gerade auf Rekordniveau von 5,4% ist, eh ein Unterfangen, was vermutlich ein geringes Gewicht hat. Die einzigen Möglichkeiten die Japan wohl hat, ist direkt gegen die Kinderarmut über Transfers o.ä. vorzugehen. Bei meiner Suche danach habe ich jedoch nichts gefunden. Laut einem Arbeitspapier der OECD von 2003 will Japan die Kinderarmut bis 2015 um 50% reduzieren. Leider konnte ich keine Daten finden inwiefern es Fortschritte gab. In den 90ern war sie wohl höher als in den 2000ern, da die 90er aber auch die verlorene Dekade war, finde ich dies nicht weiter verwunderlich.

Ich muss sagen, dass ich die Thematik relativ erschreckend finde und es als ein wenig befremdlich empfinde, dass darüber so wenig gesprochen wird. Über 14% finde ich doch als relativ hohen Anteil an Kinderarmut in einem modernen Industrieland und darüberhinaus der Fakt, dass die Armut größer ist nach Steuern und Transfers finde ich fast schon erschreckend.
Kein schönes Thema aber die Realität.



1 Aktuell sind wir übrigens bei einer Geburtenrate von 1,26; eine Geburtenrate wird benötigt um die Größe der Bevölkerung stabil zu halten.

2 Ōishi, Akiko (2007): Kodomo no hinkon no dōko to sono kiketsu (Trends and Consequences of Child Poverty). The Quarterly of Social Security Research 43(1), S. 54-64.

3 Oshio, Takashi; Sano, Shinpei & Kobayashi, Miki (2009): Child poverty as a determinant of life outcomes: Evidence from nationwide surveys in Japan. Working Paper des Kōbe University Economics Department Nr. 0911

Change – Ein Drama über neue japanische Politik

Der Wahlkampf hat in Japan angefangen und es stellt sich die Frage ob die Koaltion aus LDP und kōmeitō dieses Jahr abgewählt wird und die DPJ an die Macht kommt.

In dem Drama Change geht es jedoch nicht um diesen Wahlkampf. Ein junger Lehrer, der nie etwas mit der Politik zu tun haben wollte, wird durch eine Verkettung diverser Ereignisse vom politischen Niemand zum Premierminister. Gedacht war von einem älteren Politiker ihn als Puppe einzusetzen und dann durch den jungen Politiker selbst zu regieren. Die Puppe verselbstständigt sich jedoch und so wird eine völlig neue bürgerorientierte Politik gemacht.

Ein interessanter Blick auf die Politik Japans und die Parteien lassen sich auch sehr schön erkennen. Unterhaltsam ist die Serie darüber hinaus.

Das Drama ist vom letzten Jahr, hat zehn Folgen à 60 Minuten und ist englisch untertitelt vollständig bei Mysoju zu sehen.