Eigentlich wollte ich Sarrazin ja ignorieren

Vor ein paar Tagen habe ich zwei Tweets rausgeschickt. Einen davon aber gelöscht, daher beide hier im Zitat:

“Ich wollte Sarrazin ja ignorieren, aber irgendwie hat niemand mitgemacht”

“Gibt’s eigentlich das Buch von Sarrazin als Torrent? Ich würde es gerne lesen aber erst danach entscheiden, ob ich dafür Geld bezahlen will”

Ich habe das Buch von dem guten Mann nicht gelesen und nur über diverse Medienkanäle die Diskussion mitbekommen. Sei es nun Hr2 – Der Tag, Hart aber Fair oder auch diverse Einträge bei Telepolis und anderen Blogs/Nachrichtenseiten. Es heißt, dass Herr Sarrazin eine Diskussion angestoßen hätte. Wobei ich mir die Frage stelle, ob man ihn nicht besser ignoriert hätte. Schließlich wird sich gerade durch die “große Diskussion”, die durch sein Buch entstanden ist sein Buch ordentliche Verkaufszahlen einhandeln. Und jeder der das Buch von Sarrazin kauft finanziert damit seine Meinung.

Aber was ist diese Diskussion? An sich ist es doch nur die seit Jahren schwelende Diskussion, dass ein Teil der Bevölkerung der Meinung ist, dass es zu viele islamische Migranten gibt, die nicht willig seien sich zu integrieren. Sie stören unsere abendländisch-christliche Leitkultur und aufgrund ihres mangelnden Integrationswillens sind sie nicht in der Lage ihren Teil in der Gesellschaft zu leisten. Sarrazin hat da noch ein bisschen Sozialdarwinismus reingemischt, damit die Suppe nicht mehr schwarz, sondern endgültig braun ist. Und was ich verstörend finde ist, dass die Basis einer Sozialdemokratischen Partei in 2000 E-Mails ihrem Vorstand mitteilt, dass Sarrazin nicht sein Parteibuch verlieren soll. Schließlich sagt der gute Mann ja, was wir alle denken.

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p style=”text-align:left;”>Und das Schlimme? Ich glaube wirklich, dass viele so denken. Schon seit Jahren sehe ich einen schwelenden Rassismus in unserer Gesellschaft. Statistisch kann ich das nicht belegen, es sind so die vielen Alltagsunterhaltungen, die man führt. Dabei meine ich jetzt nicht die gezwungene politische Korrektheit, die gleichzeitig vorherrscht. Da halte ich es ehrlich gesagt ein wenig mit Avenue Q: Jeder ist ein bisschen rassistisch (Everybody’s a little bit racist – ab Min. 1:10).

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p style=”text-align:left;”>Das bedeutet aber eher das wir alle unsere Stereotypen mit uns rumtragen. Sei es nun positiv oder negativ. Das ist zwar nicht schön, ist aber so. Es hilft uns unser Leben einfacher zu machen und wenn wir uns das Eingestehen würden, würde es gleichzeitig die Diskussion vereinfachen. Aber es gibt hier auch wieder das Henne-Ei-Problem, wenn nur einer damit anfängt, dann wird er vermutlich gleich als Rassist hingestellt, da er zu offen seine Meinung wiedergibt und nicht politisch korrekt ist. Aber nur wenn wir offen sprechen können, können wir auch wirklich diskutieren.

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p style=”text-align:left;”>Das Problem mit dem schwelenden Rassismus, den ich oben ansprach, nennen wir ihn mal Alltagsrassismus ist, dass er immer wirklich negativ ist. Es ist der Teil des Rassismus, der auch in o.g. Lied als negativ angesprochen wird. Und wodurch wird er beflügelt? Durch eine dauerhaft negative Darstellung des Islam in den Medien. Hagen Rether stellt das in seiner Aufführung gut dar und ich danke ihm dafür. Das Video werden vermutlich genug inzwischen gesehen haben, da es seine Runde über Twitter gemacht hat.

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p style=”opacity:1!important;text-align:left;”>Wie kann es sein, dass nur negatives berichtet wird? Nur weil man einer Glaubensrichtung angehört, ist man nicht gleich Fundamentalist. Und wenn ich mir anhöre, was so mancher christlicher Fundamentalist von sich gibt, bekomme ich es auch mit der Angst. Wir schreiben 2010 und manchmal komme ich mir vor als ob wir 1010 schreiben. Da ist doch tatsächlich die Religionszugehörigkeit selbst bei aufgeklärten Menschen eine Grundlage für den Stereotyp.

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p style=”opacity:1!important;text-align:left;”>Wenn ich mir anhöre, dass Leute Angst haben nach Neukölln zu kommen weil es da ja so gefährlich ist (aufgrund der vielen Ausländer, was aber in der Regel nicht gesagt sondern angenommen wird, dass es gemeinsame Meinung ist) kann ich mir nur jedes Mal an den Kopf packen. Die Leute sollten mal nach Neukölln kommen. Was sehe ich da? Viele hauptsächlich türkische Familien, die liebevoll mit ihren Kindern umgehen. Wer sitzt schon um 9 Uhr mit der Pulle da? In der Regel sind das eindeutig Deutsche. Wer schreit sein Kind an und hat die Hand schon erhoben, bevor er/sie bemerkt, dass er/sie ja in der Öffentlichkeit ist und das wahrscheinlich nicht so gut kommt, wenn man jetzt zuschlägt? Deutsche.

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p style=”opacity:1!important;text-align:left;”>Vor welchen Gegenden habe ich Angst? Eher so Marzahn, Hellersdorf, ggf. der Speckgürtel um Berlin. Und warum? Wegen der größeren Anzahl an Neonazis, denen eigentlich ihr Ziel für ihre Aggression relativ egal ist. Und welche Nationaliät haben Neonazi in der Regel? Na? Richtig, Deutsch.

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p style=”opacity:1!important;text-align:left;”>Bevor also irgendwer anfängt ganze Volksgruppen über einen Kamm zu scheren aufgrund ihrer Nationalität oder Religiösität, sollte er erst einmal in sein eigenes Land schauen. Da gibt es auch genug Vollpfosten. Und selbst die haben eine Geschichte, warum sie zu dem geworden sind, was sie sind. Ich hab jedenfalls noch kein Baby gesehen, das den rechten Arm gehoben hat.

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p style=”opacity:1!important;text-align:left;”>Nur weil es uns wirtschaftlich grade nicht so gut geht, und hey uns geht es immer noch besser als in einem Großteil der Welt heißt es nicht, dass wir die Schuldigen woanders suchen müssen. Die Gründe sind vielfältig aber Zugezogene sind es sicherlich nicht. Ohne die, wären wir nämlich lang nicht da, wo wir heute sind.

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p style=”opacity:1!important;text-align:left;”>Und wenn eine Frau Kopftuch tragen will, soll sie doch. Was wäre los, wenn man auf einmal verbieten würde ein Kruzifix am Hals zu tragen oder Nonnen zu unterrichten? Oh oh oh… Aber schließlich pflegen wir hier die christlich-abendländische Kultur. Unser Wertesystem entstammt dem Christentum aber das berechtigt uns noch lange nicht andere Wertesysteme zu diskriminieren. Unsere Kultur ist ein Gemisch, dass sich über eine sehr lange Zeit entwickelt hat. Und zwar aus einer Zeit, die sogar noch vor den Anfängen des Christentums lag. Unsere Kultur gewinnt nur durch Migranten, verlieren wird sie nichts. Nur weil ihr nicht mit Veränderung klar kommt, heißt das noch lange nicht, dass ihr andere Beleidigen dürft.

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p style=”opacity:1!important;text-align:left;”>Wir leben hier in einer Demokratie und so lange jeder der geltenden Gesetzgebung folgt und nicht gegen die Verfassung handelt, darf er machen was er will. Eine Erinnerung an die Grundrechte aus unserem Grundgesetz:

  • Artikel 2 (1): Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
  • Artikel 3 (3): Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

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p style=”opacity:1!important;text-align:left;”>Und wenn mir jemand die arabischen oder türkischen Supermärkte, Gemüsehändler, Friseure u.ä. zeigt, die ihr Angebot auf der entsprechenden Landessprache anbieten finde ich das gut. Warum auch nicht? In Gegenden, in denen viele US-Amerikaner leben gibt es entsprechendes auch in Englisch (und in ihrer Parallelgesellschaft auf den Basen sowieso…). Wenn es die Nachfrage nach so etwas gibt, wird es auch das entsprechende Angebot geben. Ich war zwar noch nicht auf Mallorca aber ich vermute mal ganz stark, dass es da ähnliches mit Deutsch gibt. Ich hab mir sagen lassen, dass sich da genug Deutsche auch nicht integrieren und Spanisch lernen. Sprachen lernen ist nämlich aufwendig und wenn’s auch anders geht. Aber damit wird man nicht unbedingt weit kommen. Will man sich in eine Gesellschaft integrieren und in dem Land zu etwas bringen, wird man nicht daran vorbei kommen und muss die Landessprache lernen. Aber das passiert soweit ich weiß in der Regel auch, dauert halt ein bis zwei Generationen. Nur Integration heißt nicht Assimilation. Warum soll ich meine kulturelle Identität aufgeben, nur weil ich in einem anderen Land lebe? Exakt, dafür gibt es keinen Grund.

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p style=”opacity:1!important;text-align:left;”>Unsere Regierung sollte sich besser darum kümmern, dass den Zugezogenen aus anderen Ländern geholfen wird hier klar zu kommen und dazu gehören nicht nur Integrationskurse, sondern auch ein Bildungssystem, dass hilft Chancengleichheit zu schaffen. Dann wird man vielleicht auch die oben genannten Vollpfosten dezimieren können. Mit Bildung dürfte die Chance niedriger sein in eine extreme Richtung zu schwenken (auch wenn z.B. Sarrazin uns vormacht, was auch mit Bildung passieren kann).

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p style=”opacity:1!important;text-align:left;”>Das einzige was in dieser Diskussion zählen sollte ist, dass wir Menschen, die in unserer Gesellschaft benachteiligt sind Chancengleichheit zu schaffen. Sei es nun weil sie aus einem niedrigeren sozialen Stand kommen, weil sie die Landessprache nicht gut genug sprechen oder was es da sonst noch gibt.

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p style=”opacity:1!important;text-align:left;”>Und was dann auch noch ganz wichtig ist: Wir sollten uns alle mit dem gebührenden Respekt behandeln. Ich habe mir sagen lassen, dass es da aus der Grundlage der christlich-abendländischen Kultur, die sich Bibel nennt einen ganz wichtigen Satz gibt:

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p style=”opacity:1!important;text-align:left;”>Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

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p style=”opacity:1!important;text-align:left;”>Für mich bedeutet das, dass man andere Menschen so behandeln sollte, wie man selbst behandelt werden will. Und Respektlosigkeit und Beleidigungen zählen da sicher nicht dazu.


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Jugendliche in Japan und China vergessen, wie man schreibt

Gerade in meinem Newsreader gefunden: AFP: Wired youth forget how to write in China and Japan:

 

“Tokyo student Maya Kato, 22, said: ‘I hardly hand-write anymore, which is the main reason why I have forgotten so many characters.

It is frustrating because I always almost remember the character, and lose it at the last minute. I forget if there was an extra line, or where the dot is supposed to go.’

Geht mir ehrlich gesagt ähnlich. Und nachdem ich vor nicht allzu langer Zeit gelesen habe, dass einer der Gründe für die Aufnahme von etwa 200 zusätzlichen chinesischen Schriftzeichen (Kanji) in die Liste der täglich genutzten Kanji sei, dass man sie nicht mehr unbedingt schreiben muss, es aber wichtig sei das man sie lesen kann wundert mich auch nichts mehr. In meiner täglichen Praxis habe ich auch festgestellt, dass das Schreiben nicht so wirklich wichtig ist. Hauptsächlich liest man Japanisch eh. Schriftlich kommuniziere ich ausschließlich per E-Mail und da muss ich die Zeichen auch nur Lesen können. Vor kurzem habe ich eine Postkarte geschrieben aber das war es auch seit Langem, dass ich mal mit der Hand geschrieben habe. Ich finde Kanji toll und würde sie gerne besser schreiben können aber so selten wie man es wirklich braucht…nun ja, zum Glück geht’s auch Japanern so aber das musste ich ehrlich gesagt schon ziemlich früh am Anfang meines Studiums feststellen 😉

 

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Und darum schmeckt japanische Schokolade nicht

Wer schon einmal in Japan war und die “großartigen” Schokoladenprodukte von Meiji und anderen probieren durfte, weiß warum man auf seinen Reisen nach Japan Milka und Ritter Sport für seine Freunde mitbringen sollte.

Schokolade in Japan schmeckt einfach nicht. Nach ein paar Versuchen habe ich von Schokolade japanischer Firmen für immer die Finger gelassen. Heute habe ich endlich herausgefunden, warum japanische Schokolade so schlecht schmeckt.

Aktuell lese ich “Can Japan Compete?” von Michael E. Porter (Harvard-Prof, der u.a. auf internationale Wettbewerbsfähigkeit spezialisiert ist), Hirotaka Takeuchi und Mariko Sakakibara aus dem Jahr 2000. Ein recht interessantes Buch, dass vielen Ideen zum Thema staatlich gestützte Wettbewerbsfähigkeit den Wind aus den Segeln nimmt.

Nun aber zurück zur Schokolade. In diesem Buch steht unter anderem der Grund warum japanische Schokolade von so niedriger Qualität ist: Zum Einen gibt es seit 1974 einen Zoll in Höhe von 35% auf Zucker und Milch. Damit sind wichtige Zutaten von Schokolade unnötig teuer. Dies führte dazu, dass japanische Firmen nach Substituten für Schokolode suchen mussten. Zum anderen gibt es wohl sehr lockere Regulierungen von staatlicher Seite aus, wieviel Kakao und Kakaobutter in Schokolade sein muss, damit sie Schokolade genannt werden kann. Und dies führte laut den Autoren zu einer indirekten Billigung von Produkten niedriger Qualität seitens der Regierung. Rätsel gelöst.

Nihonjinron – die Einzigartigkeit der Japaner

Lange Zeit kein Post, daher muss dem Abhilfe geschaffen werden.

Vor nicht allzu langer Zeit bin ich mit jemandem auf Twitter auf das Thema Nihonjinron gekommen. Da das Ganze nicht so einfach zu erklären ist, habe ich ihm eine längere Mail zum Thema “Was ist das Problem am Nihonjinron, wenn man über Japan und die japanische Gesellschaft spricht” geschrieben. Aber auch für dieses Blog ist der Großteil des Inhaltes der Mail ganz gut geeignet, daher hier eine leicht überarbeitete Fassung 😉

Erst einmal, was ist Nihonjinron? Nihonjinron beschreibt Werke nationalistischen Kulturalismus, die sich mit der “Einzigartigkeit” Japans auseinandersetzen.

Folgende Annahmen sind Grundlage des Diskurses:

  1. Man kann die japanische Gesellschaft ausschließlich mit der Hilfe von Japanern verstehen; eine externe bzw. ausländische Analyse funktioniert nicht
  2. Japaner können als kulturelles und sozial homogenes Gebilde angesehen werden, deren Kern sich über die Zeit nicht ändert
  3. Die Japaner unterscheiden sich radikal von allen anderen bekannten Völkern hinsichtlich Gesellschaft, Kultur und Sprache
  4. Ausländer sind nicht in der Lage die Essenz der japanischen Kultur und Sprache zu verstehen

Im Folgenden werde ich versuchen die Sachen auseinanderzunehmen.

1) Dieser Punkt ist für mich schwer auseinanderzunehmen. Meiner Meinung nach kann man sehr wohl auch mit Hilfe ausländischer Analyse Japan verstehen. Um genau zu sein ist vermutlich die ausländische Analyse sogar wichtiger als die rein japanische Sichtweise. Der wissenschaftlichen Diskurs der sich mit Japan auseinandersetzt umfasst den kultur- bzw. sozialwissenschaftlichen Bereich — Literaturwissenschaften, Anthropologie, Soziologie, Wirtschaftswissenschaft, Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft etc. und betrachtet Japan von außen. Zum Teil werden diese Kenntnisse in Japan wieder angewandt und/oder auch ins Ausland übernommen.

2) Die homogene Gesellschaft ist ein Mythos, der immer wieder aufkommt. Lange Zeit haben sich ein Großteil der Japaner in Umfragen immer der Mittelschicht zugeordnet (in den 80ern bis zu 90%). Das Problem war allerdings, dass die Frage folgende Antworten zuließ: “oben”, “obere Mitte”, “mittlere Mitte”, “untere Mitte”, “unten” und “weiß nicht”. Die meisten haben sich der mittleren Mitte oder der unteren Mitte zugeordnet.

Heutzutage gibt es einen großen Diskurs über die kakusa shakai (格差社会) – die ungleiche Gesellschaft. Inzwischen sind Arbeitsplätze nicht mehr so sicher, die prekären Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu (Leih- und Zeitarbeit) und immer mehr Haushalte haben Probleme sich zu versorgen. Und die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Ein empfehlenswerter Roman, der in der Unterschicht spielt ist Natsuo Kirinos “Die Umarmung des Todes” (auf Englisch Out, auf Japanisch アウト).

Aber die “traditionellen Säulen” des japanischen Beschäftigungssystems Lebensanstellung, Seniorität[1] und Unternehmensgewerkschaften[2] galten auch schon immer nur für etwa ein Drittel der Beschäftigten. Diese waren als Stammarbeiter angestellt und auch zwischen Großunternehmen und den Klein- und Mittelunternehmen gab es große Lohnunterschiede.

Dazu kommt, dass es auch in der japanischen Gesellschaft Minderheiten gibt. Zum einen die Koreaner, die zur Zeit der japanischen Besatzung in Korea nach Japan deportiert worden sind. Dann gibt es eine wachsende chinesische Minderheit. Die Nikkeijin, Japaner, welche von Japanern abstammen, die vor mehreren Generationen ausgewandert sind und nun durch ein Gastarbeiterprogramm wieder nach Japan zurückgekommen sind. In der Regel kommen diese aus Brasilien. Die sehr kleine Minderheit an westlichen Ausländern (die Bekanntesten sind wohl Tsurunen Marutei, ein naturalisierter Finne, der Abgeordneter im Oberhaus ist und Arudou Debito, ein naturalisierter Amerikaner, der ein sehr populäres Blog hat). Die Ainu auf Hokkaidō, die nichts mit dem Rest der Japaner zu tun haben. Ob man die Bewohner von Okinawa als Minderheit ansehen kann, denke ich eher nicht. Aber es gibt definitiv kulturelle Unterschiede und Okinawa gehörte lange Zeit nicht zu Japan und hat auch sehr eigene Bräuche etc.

Auch kulturell gibt es innerhalb des Landes große Unterschiede in den Traditionen, die darauf hinweisen, dass es keine homogene Gesellschaft ist.

3) Unterschied in Gesellschaft und Kultur. Hierauf geh ich nur sehr sehr kurz ein: viel wurde aus China und Korea importiert 😉

Einzigartigkeit der Sprache: Die ursprüngliche Sprache auf Okinawa hat sehr große Ähnlichkeiten mit dem Japanischen. Das Koreanische ist eins-zu-eins übersetzbar und hat aus dem was ich weiß nur eine Höflichkeitsstufe mehr (hatte ein Jahr Intensivkurs plus weiterführenden Unterricht; musste es aber aus Zeitgründen leider aufgeben). Die Lexik – sprich ursprünglich-koreanische und ursprünglich-japanische Wörter unterscheiden sich stark. Das Japanische wird teilweise den altaischen Sprachen zugeordnet. Andere Sprachen, die dem japanischen wohl sehr ähnlich sind, sind mongolisch und türkisch. Die Sprache ist also nicht wirklich einzigartig.

4) Au contraire

Nachdem ich jetzt die Argumente auseinandergenommen habe, die Probleme des Nihonjinron und warum man so schnell in seine Falle tappt, wie ich es beschrieben habe.

Ein großes Problem ist, dass viele Theorien von Japanern selbst vertreten werden. Frei nach dem Motto “Japan ist halt anders”. Auch die Einzigartigkeit und die homogene Gesellschaft werden gerne von Medien und Politikern betont und spiegeln sich dadurch auf die Gesellschaft zurück.

Dadurch, dass diese Theorien so häufig im In- und Ausland wieder aufgebracht werden von Leuten, die sich nicht so intensiv mit Japan auseinandersetzen, hält sich der “Mythos Japan”. Es ist oftmals schnell gesagt “ist halt Japan” und genau darin liegt das Problem. Nur weil es Japan ist, heißt es noch nicht, dass es einzigartig ist und bei Diskussionen über Kultur geht es sehr schnell in die Richtung. So nebenbei: eine Frage in meiner mündlichen Zwischenprüfung war “Denken Sie, dass die japanische Gesellschaft homogen ist und begründen Sie bitte ihre Antwort.” Das ist wirklich etwas was vielen “ausgetrieben” werden muss, da man es dauernd liest bei Leuten, die sich nicht wirklich intensiv mit der Literatur zu Japan auseinandergesetzt haben.

Kurz zusammengefasst: Nihonjinron ist eine nationalistisch geprägter Diskurs, dessen Theorien gerne von Japanern übernommen werden. Diese Theorien sind jedoch nicht korrekt. Leider werden diese Theorien außerhalb Japans oftmals angenommen, gerade weil sie von Japanern vertreten werden. Gleichzeitig ist es einfacher zu sagen “ist halt Japan”, anstatt “tiefer zu forschen”.

Kommentare sind wie immer gern gesehen.

[1] Seniorität beschreibt hier den steigenden Lohn mit zunehmender Dauer der Betriebszugehörigkeit (zurück)

[2] In Japan gibt es nicht wie hier Gewerkschaften, die sich über Industrien erstrecken, sondern die Unternehmen haben ihre eigene Gewerkschaft.

Alle drei Säulen haben übrigens noch ganz interessante Hintergründe, Auswirkungen etc. (zurück)


rikaikun – Rikaichan für Google Chrome

Vor nicht allzu langer Zeit bin ich auf Google Chrome umgestiegen. Meiner Meinung nach ein sehr ordentlicher Browser von Google, der u.a. die tolle Eigenschaft hat, dass jeder Tab einen neuen Prozess aufmacht und wenn damit aus irgendeinem Grund eine Seite nicht mehr reagiert oder ein Plug-In abstürzt nur der eine Tab abstürzt und nicht alles. Um genau zu sein auf die Nightly Builds von Chrome namens Chromium, da diese auch unter Mac OS X Extensions unterstützen.
Für Firefox gibt es das großartige Rikaichan, dass ich schon mal in diesem Blog vorgestellt habe.

Jetzt gibt es rikaikun: eine Portierung von Rikaichan nach Google Chrome. Großartig 🙂
Leider unterstützt es aktuell nur das Wörterbuch für Japanisch-Englisch aber zumindest für mich ist das erstmal ausreichend. Hoffentlich werden aber noch weitere Wörterbücher nachgeschoben.
rikaikun kann hier heruntergeladen werden.

Vortrag über das japanische Schriftsystem am 13.01.10

Hier ein wenig Werbung in eigener Sache:

Am 13.01.2010 halte ich in der abgestürzten Raumstation c-Base (Karte) ab 19:00 Uhr einen Vortrag. Das Thema ist das japanische Schriftsystem, das in der Literatur teilweise auch als das komplizierteste der Welt bezeichnet wird.
Es wird einen Blick in die Entwicklung des Schriftsystems geben, sowie die heutige Verwendung. Dazu werde ich erklären wie man Wörterbücher benutzt und wie das mit Computern und Japanisch funktioniert.
Ich bin kein Linguist, sondern werde den Vortrag aus Sicht eines Japanischlernenden halten.

Fragen und Kommentare bitte in der Kommentarfunktion hinterlassen 🙂

Filmempfehlung: Saure Erdbeeren – Japans versteckte Gastarbeiter

Endlich habe ich es mal geschafft mir die Dokumentation “Saure Erdbeeren: Japans versteckte Gastarbeiter” (2008) anzusehen. Wie der Titel schon sagt, handelt der Film von Gastarbeitern in Japan. Diese kommen über Schlupflöcher in der Gesetzgebung in das Land. In der Regel geschieht dies als Nikkei-Jin oder über Trainee-Programme.
Nikkei-Jin sind japanischstämmige Ausländer, die max. in der dritten Generation im Ausland leben. In der Regel sind die Vorfahren nach Südamerika ausgewandert, die meisten nach Brasilien. In den 80er Jahren begann die japanische Regierung Visa auszustellen, damit diese die schweren, dreckigen und gefährlichen Arbeiten in Japan ausführen können. Die Arbeiten also, die Japaner nicht mehr ausführen wollen.
Andere Gastarbeiter werden über Ausbildungsprogramme angeworben. Offiziell sind es Ausbildungsprogramme in den Firmen, inoffiziell sind es sehr sehr billige Arbeiter. Auch hier gilt dasselbe wie schon bei den Nikkeijin beschrieben.
Sehr sehenswerte Dokumentation, die etwa eine Stunde lang ist.
Hier ein paar Links dazu:

Was heißt eigentlich eine “Sprache fließend sprechen”?

Das hat jetzt nur begrenzt Japanbezug aber ich wurde vor kurzem gefragt, ob ich fließend Japanisch spreche und ich verneinte.
Aber dafür müsste man vielleicht erstmal festlegen, was ich eigentlich unter fließend verstehe. Heute habe ich auf Twitter geschrieben, was meiner Meinung nach “fließend” bedeutet:

Die Fähigkeit sich über ein beliebiges Thema tiefgehend zu unterhalten

Wie zu erwarten war, kamen gleich zwei Reaktionen, dass das schon für Muttersprachler einzuhalten schwer ist.

Ich bin kein Linguist oder ähnliches, daher gebe ich hier meine wissenschaftlich völlig unbelegbare Meinung wieder 🙂

Tiefgehend bedeutet für mich, dass ich ohne großartig Wörterbücher konsultieren zu müssen eine Tageszeitung lesen oder Nachrichten sehen kann und mich anschließend über diese Themen zu unterhalten. Auch das Lesen von Prosa oder ähnlichem sollte möglich sein. Der alltägliche Smalltalk bzw. die alltägliche Unterhaltung bzw. das “Gespräch über Gott und die Welt” gehört natürlich auch dazu. Zusätzlich sollte man bei seinen eigenen Interessensgebieten auch größere Teile des Fachvokabulars beherrschen.
Japanischsprechende würde ich übrigens nur dann auf “fließend” einstufen wenn sie den höchsten Level des Japanese Language Proficiency Test bestehen.

Muttersprachler haben hier teilweise, evtl. sogar oftmals auch Defizite (es muss irgendeinen Grund geben warum so viele die BILD lesen anstatt FAZ, SZ u.ä.) aber sie haben dafür andere Kenntnisse, die sie vom Fremdsprachler unterscheiden: ein Sprachgefühl, dass nur schwer zu “erlernen” ist. Es geht mir hier um die Kleinigkeiten bei denen man schnell einen Ausländer festmachen kann. Im Deutschen fällt das z.B. schnell bei der Verwendung von Artikeln auf, im japanischen bei der Verwendung von Partikeln, im Englischen bei Präpositionen. Zumindest ist das bei mir so. Dazu kommen noch so Dinge wie “erlaubte” Fehler: “wegen dir” und “wegen mir” ist vielleicht falsch aber es wird häufig benutzt. Und ich hab noch niemanden getroffen, der die notorischen “meinetwegen”, “deinetwegen”, “korrekt den Genitiv-Benutzer”-Korrigierer leiden kann. Jemand, der Deutsch als Fremdsprache spricht, macht solche Fehler meiner Erfahrung nach eher seltener – dafür aber andere. Dazu kommt natürlich noch die Sache mit dem Akzent u.ä.

Buchempfehlung: Making Sense of Japanese

Japanische Grammatik ist auf den ersten Blick relativ einfach. Ein paar wenige Zeitformen, keine Artikel, keine Geschlechter, kein Plural oder Singular und und und. Besteigt man jedoch den Berg des Japanischen, so stellt man beim Erreichen des Gipfels fest, dass es dahinter noch einen gibt, der höher liegt. Und hat man auch diesen erreicht, so stellt man fest, dass dahinter ein noch höherer liegt. Ein bisschen wie in der Simpsons-Szene als Homer einen hohen Berg besteigen soll und denkt, dass er nicht sonderlich hoch ist und ihm dann der zweite und dritte Gipfel auffällt.

Vor kurzem bin ich über ein Buch gestolpert, dass einem ein wenig zusätzliches Kletterzeug an die Hand gibt um den Berg zu besteigen: “Making Sense of Japanese: What the Textbooks Don’t Tell You” von Jay Rubin. In der Staatsbibliothek Berlin habe ich die Version von 1992 (Sig: 1A553 970) gefunden.

Die Hauptzielgruppe sind Japanisch-Lernende, die gerade dabei sind von Lehrbüchern auf natürliche Texte zu wechseln. Meiner Meinung nach ist das Buch für jeden geeignet, der bereits Keigo (Höflichkeitssprache) intensiver behandelt hat.

Die behandelten Themen sind ausschließlich grammatikalischer Natur. Der Unterschied von は und が, wie funktioniert das nochmal mit あげる, くれる, もらう, Passiv und Passivkausativ und mehr. Sehr interessante Sachen, die man evtl. schon mal gehört hat aber hier nochmal in einer Weise wiederholt werden, dass man ein besseres Verständnis erhält. Rubin schlägt auch vor, dass man sich die Sachen auch nochmal in seinem Lehrbuch anschauen sollte, nachdem das Buch gelesen hat.

Rubin benutzt viele natürliche Beispiele, meist aus Romanen von bekannten Schriftstellern wie Murakami Haruki oder Mishima Yukio. Teilweise auch selbst gewählte. An diesen sieht man dann auch meiner Meinung das Alter des Buches: das Japanisch fühlt sich alt an. Min. 20 Jahre – das war eine Schätzung bevor ich auf das Erscheinungsdatum geschaut hatte. Trotz dessen ist das Buch sehr lesenswert und kann nur jedem empfohlen werden meiner Meinung nach.

Bei Google Books gibt es eine Preview des Buches mit Inhaltsverzeichnis und Introduction (Link)
Das Buch kostet in der Auflage von 2002 bei Amazon aktuell 10,86€ (Link zum Buch).

Google geht ein weiteres Problem an: Japanischeingabe

Vor zwei Wochen hat Google den Google IME für Japanisch veröffentlicht (jap. Google-Blogeintrag). Während ich schon mehrfach auf Twitter davon gelesen hatte, bin ich jetzt erst dazu gekommen ihn mir genauer anzusehen. Ich muss sagen, dass ich begeistert bin.

Was aber ist ein IME? (Jeder der das bereits weiß, kann diesen Teil überspringen)
IME steht für Input Method Editor und ist das Tool, das benutzt wird um Japanisch auf einem Computer einzugeben.
Als Endnutzer sehe ich folgendes:
Man beginnt mit der Eingabe einer Umschrift mit Hilfe von lateinischen Buchstaben (Romaji) und diese wird dann entsprechend der Regeln der Umschrift in Hiragana umgewandelt. Drückt man die Leertaste, wird das Geschriebene kontextabhängig in eine Mischform aus Hiragana, Katakana und Kanji umgewandelt. Danach können noch Korrekturen an der Umwandlung bzw. des Geschriebenen vorgenommen werden.
Im Hintergrund steckt eine Datenbank auf die zugegriffen wird, je nach IME ist diese mal kleiner oder größer. Dasselbe gilt für die Qualität der Heuristik. Bei allen mir bekannten IMEs kann man zusätzlich neue Wörter hinzufügen.

Nun aber zu Googles IME. Entstanden ist der Google IME aus einem der 20%-Projekte bei Google. Mitarbeiter bei Google bekommen 20% ihrer Arbeitszeit freigestellt um an eigenen Projekten zu arbeiten. Die Anfänge des IMEs liegen bei Google’s “Meinten Sie”. Jeder kennt das. Man gibt etwas bei Google ein, vertippt sich vielleicht und startet die Suche. Über den Ergebnissen steht dann oftmals ein “Meinten Sie: Suchbegriff”, welches bei einem Vertipper den korrekt geschriebene Suchbegriff anzeigt. Diese Technologie wurde als Grundlage für Googles IME genommen.

Das Ergebnis ist klasse. Fängt man an zu tippen, so gibt es, wie auch bei anderen IMEs bekannt, Vorschläge, was man tippen will. Jedoch scheinen mir die Vorschläge bei Googles IME besser und vor allen Dingen aktueller zu sein. Selbst relativ neue Wörter wie z.B. オン寝 (On’ne – das Einschlafen während man auf eine Antwort im Chat bzw. auf eine E-Mail wartet) sind enthalten.
Bei der Installation kann man auswählen ob die Anwendung nach Hause telefonieren darf um die Ergebnisse des IMEs zu verbessern.

Aktuell ist der IME verfügbar für Windows (XP SP2, Vista SP1, 7) und Mac OS 10.5+.

Fragen und Anmerkungen sind in den Kommentaren wie immer gern gesehen 🙂